Schlammwandern

Herbstausflug mit nachhaltiger Wirkung.

Sybil Schreiber: Ich bin die Frau für alle Fälle. Das ist in meinen Augen stark, in Schneiders Augen störend. Auch jetzt: Wir starten von der traumhaft schönen Terrasse der Villa Honegg mit Blick auf den Vierwaldstättersee zu einer spontanen Wanderung Richtung Bürgenstock. Als ich Schneider frage, ob ich die Regenjacken mitnehmen soll, blinzelt er in die Sonne: «Wozu?»
Ich habe von meinem Vater gelernt, dass man in den Bergen auf alles gefasst sein müsse, doch Schneider ist von andern Eltern: «Das ist ein Spazierweg! Ich mach mich doch nicht lächerlich!» Er also in Halb- statt in Wanderschuhen – ich hingegen montiere die Wanderstiefel, packe den Rucksack mit Wasser, Toblerone und Schirm und renn meiner Familie hinterher. Nach einer Stunde ist aus der Bergstrasse ein glitschiger Bergpfad geworden. Es regnet. Wir unterbrechen unsere spontane Wanderung, um unter einem Baum auf besseres Wetter zu warten: Nun giesst es aus Kübeln, der Wind rüttelt an den Bäumen, die Kinder und ich frieren, Schneiders Schuhe sind Schlammschlappen. Ich zücke die Schokolade und breche Dreiecke für unsere Töchter ab. Als Schneider ein Stück will, schüttle ich den Kopf: «Die Lage ist ernst. Kinder und Frauen zuerst!»

Steven Schneider: Es prasselt ziemlich laut auf das Blätterdach des Baumes, unter dem wir stehen. Ich analysiere unsere Lage: Unsere zwei Mädchen sind gut gelaunt, fragen, ob wir uns hier ein Nest bauen sollen, beobachten die Rinnsaale am Hang und halten mich fest an der Hand – ist wirklich etwas Besonderes, im strömenden Regen durch den Schlamm zu rutschen. Ich selber bin auch guter Dinge und geniesse dieses überraschende Abenteuer. Auch wenn ich höllisch aufpassen muss: Dieser steile Wanderweg auf nackter, nasser Erde erschüttert meine Standfestigkeit nun doch mehr, als mir lieb ist. Aber was kann mir schon passieren? Auf den Hintern fallen und im Dreck landen. Na und!
Das einzig ernsthafte Problem ist Schreiber. Sie blickt verdrossen zu mir. Dort, wo sie gerade steht, herrschen zudem Minustemperaturen, denn sie zittert vor Kälte. Oder tut zumindest so. Kann es sein, dass sie sich ärgert? Und zwar darüber, dass wir gerade etwas erleben, worüber wir noch in vielen Jahren lachen werden? Denn wem haben wir dieses Naturerlebnis zu verdanken? Jedenfalls nicht unserer für jeden Notfall perfekt ausgerüsteten Dramakönigin, die gerade vorwurfsvoll eine ganze Toblerone verschlingt!

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 20.10.2011, 17:11 Uhr

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