Barry bleibt tapfer

Barry hat sehr schöne Zähne. Der Neufundländer leidet trotzdem unter einer schmerzhaften Schwellung im Mund. Er muss sich einen Zahn ziehen lassen – doch seine Halterin macht im letzten Moment einen Rückzieher.

Der grosse Hund machte ein trauriges Gesicht. «Er ist kopfscheu. Jedes Mal, wenn ich ihn streicheln will, zieht er den Kopf zurück. Auch jaulte er auf, als die Leine einmal versehentlich über die Schnauze führte!», erzählte mir seine besorgte Besitzerin.

Ich schaute mir den Hund an. Sein grosser, schwarzer Kopf hatte als Neufundländer etwas Bärenartiges. Eine Seite war aber deutlich angeschwollen. Alles konnte ich gut anschauen, nur beim Maulöffnen jaulte er und versuchte, sich von meinem Griff wegzuwenden. In einem zweiten Anlauf hob ich ihm nur sanft die Lippe. Oberhalb eines Zahnes war eine starke Schwellung zu sehen. «Obwohl dieser Zahn scheinbar gut aussieht, muss er eine Wurzelentzündung haben.», sagte ich. Hunde sind nicht so empfindlich wie Menschen, was die Zähne betrifft. Es ist erstaunlich, mit was für Entzündungen sie oft noch fressen und Stöckchen apportieren. Aber Zahnstein und Entzündungen können dem gesamten Organismus schaden. Es bieten sich zur Zahnpflege nebst Spezialfutter auch Zahnpasten, Spüllösungen und spezielle Putzhilfen wie Tücher und Kauartikel an.

Doch eine Wurzelentzündung lässt sich von aussen nicht beeinflussen und dieser Reisszahn musste raus. Barry erhielt Antibiotika, um der Entzündung entgegenzuwirken, bis wir einen OP-Termin hatten. Dann rief am Tag vor der Operation seine Halterin an: «Meinem Hund geht es besser! Die Tabletten haben gewirkt, die Schmerzen sind weg, und auch die Schwellung.» So geht es doch auch uns Menschen manchmal: Kaum hat man den Termin beim Zahnarzt, sind die Schmerzen weg. Ich entgegnete, dass eine entzündete Zahnwurzel in der Regel wieder aufflammt, sobald die Medikamente abgesetzt würden, doch die Besitzerin wollte nicht. Ich verstand das gut, denn Barry war ein alter Hund und eine Narkose muss immer wohlüberlegt sein. Ich beruhigte sie und erklärte ihr, dass wir die Narkose sorgfältig planen und durchführen würden.

Am Tag der Operation lief alles wie am Schnürchen. Barry schlief wunderbar ein und den Zahn konnte ich gut herausschneiden. Beim Erwachen schnarchte er laut und schon bald konnte er wieder nach Hause. «Erschrecken Sie nicht über die grosse Wunde! So ein Reisszahn hinterlässt ein grosses Loch», warnte ich die Halterin. «In wenigen Tagen aber ist alles wieder verheilt.» Doch Barry nahm ganz selbstverständlich die Leine in die Schnauze, um zum Gehen zu drängen. Er schien ein besonders schmerzresistenter Hund zu sein.

(Aus der Coopzeitung Nummer 44)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Donnerstag 27.10.2011, 15:20 Uhr

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