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Astrid Frefel: «Ägypten bleibt uns fremd»

Persönlich. Astrid Frefel lebt und arbeitet seit zwölf Jahren als Korrespondentin in Kairo und hat den Umsturz in Ägypten hautnah miterlebt.

Coopzeitung: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

Astrid Frefel: Es war ein Hin und Her von Gefühlen, weil sich die Situation manchmal auch sehr rasch änderte. Malwar man euphorisch und hatte während einer Demo das Gefühl, es komme alles gut, dann gab es kritische Momente und man hatte das Gefühl, es könne doch noch kippen. So ging es hin und her, bis Mubarak dann abtrat.

Sind Sie je bedroht worden?
Journalistin zu sein in Ägypten, das war nie einfach. Das hängt damit zusammen, dass man hier von Journalisten ein anderes Bild hat. Man sieht uns nicht als Informationsvermittler. Entweder macht man Propaganda, oder man ist ein Feind. Die Bevölkerung geht immer davon aus, das der Journalist Partei ist. Deshalb gab es immer mal wieder heikle Situationen. Die Schläger, die jetzt auf der Strasse waren, die kenne ich von früheren Gelegenheiten, die waren auch bei Wahlen auf der Strasse. Ich habe selber auch heikle Situationen erlebt.

Was hält Sie in Kairo?
Das, was jetzt passiert. Man hat immer gewusst, dass der September kommt mit den anstehenden Wahlen. Nachdem ich so lange hier gelebt habe, wollte ich wissen, was passiert. Der Vorgang ist vergleichbar mit dem Umsturz, den ich in Osteuropa miterlebt habe: In wenigen Monaten wird eine ganze Regierung, ein ganzes System auf den Kopf gestellt. Wenn man das vergleicht mit der Schweiz, wo es Jahre braucht, um ein Gesetz durch die Ins-titutionen zu kriegen, dann ist das schon sehr spannend. Es ist eine ganz andere Dynamik.

Was lieben Sie an der Stadt?
Was grandios ist, das ist das Wetter: 360 Tage im Jahr scheint die Sonne. Das ist natürlich toll. Aber nach zwölf Jahren in Kairo bin ich hier ganz einfach zu Hause. Ich habe hier mein Leben, meine Freunde.

Wie erleben Sie den Kontrast zwischen ägyptischer Hochkultur und Entwicklungsland?
Ägypten ist uns Europäern fremd, da bleiben wir gerne an der Oberfläche, bei den schönen Dingen. In der Türkei zum Beispiel ist das anders: Das ist ein Land, das in die EU will, das Land wird mit europäischen Massstäben gemessen, wir sind viel besser über die Zustände imLand informiert. Hier in Ägypten beschränken sich viele auf die Pyramiden, den Nil und das Rote Meer.

Haben Sie es als Schweizerin in Ägypten einfacher?
Dieselben Klischees, die wir von Ägypten haben, haben die Ägypter von der Schweiz. Noch vor der Schokolade kommen die Banken. In den letzten Tagen bin ich oft auf das Geld von Mubarak angesprochen worden.

Wie verständigen Sie sich?
Auf Arabisch und Englisch.

Wie frei können Sie sich bewegen?
An sich kann ich mich frei bewegen, in Oberägypten, etwa in Assiut, gibt es Gegenden, wo alle Ausländer von der Polizei begleitet werden. Das hängt mit den Terroranschlägen in der Gegend in den 80er-, 90er-Jahren zusammen. Man will da die Ausländer noch speziell bewachen. Davon abgesehen kann man sich im Land frei bewegen. Bei Demonstrationen oder bei heiklen Situationen sagt einem manchmal die Polizei, dass man sichbesser zurückziehen soll.

Der Aufbruch in Ägypten hat die Welt bewegt – wird er überschätzt?
Nein, ich glaube nicht. Es ist schon ein grosser Einschnitt, nicht nur für Ägypten. Er wird Folgen haben für die ganze Region. Das Hauptproblem in der ganzen arabischen Welt ist: Es sind unfreie Systeme. Die Leute haben kaum Möglichkeiten, etwas zu ihrer eigenen Regierung zu sagen. Das nimmt man nicht mehr hin: Die Leute möchten die Rechte auch haben, die auf der ganzen Welt garantiert sind. Es ist ja auch in fast allen Ländern irgendetwas passiert. Entweder hat es Demonstrationen gegeben oder die Regierung hat, wie in den Golfstaaten, präventiv Massnahmen ergriffen.

Welche Rolle hat der arabische Nachrichtensender Al Jazeera gespielt?
Al Jazeera spielt eine Rolle, aber eine noch viel grössere Rolle hat das Internet gespielt. Auf der Strasse sind junge Leute zwischen 17 und 35. Das ist die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. In Libyen ist das ganz extrem: Das war ein geschlossenes Land, allenfalls konnten die Menschen RAI Uno sehen. Mit dem Internet hatten sie plötzlich Zugang zu Informationen, und haben gesehen, was in denanderen Ländern vor sich geht.

Wie sicher ist Ägypten heute als Reiseland?
Man muss unterscheiden zwischen den Badeorten am Roten Meer, die problemlos sind und immer problemlos waren. Kairo ist im Moment sehr ruhig. Da ist es eher die Frage, was man erleben will. Kairo ist in diesen Tagen nicht die lebendige Stadt, die man sonst erlebt: Im Bazar, bei den Pyramiden undim Ägyptischen Museum, da hat es im Moment nicht viele Leute. Eine Garantie kann man im Moment nicht geben, dass es wirklich ganz ruhig bleibt. Die Ägypter selbst haben einen grossen Drang, die Normalität wieder herzustellen, sie möchten aber auch dafür sorgen, dass ihnen die Revolution nicht gestohlen wird.

Und Sie selbst? Fühlen Sie sich sicher? Bleiben Sie in Kairo?
Ja klar, jetzt ist eine höchst interessante Zeit angebrochen. Es ist in den Medien vielleicht nicht mehr so spektakulär, aber für einen Journalisten ist es sehr interessant, zu beobachten, wie das Land umgebaut wird. Kairo ist für mich der Ausgangspunkt für die ganze Region und da darf man sehr gespannt sein, was noch passiert.

Astrid Frefel

Geboren: 1951 in Basel

Zivilstand: ledig

Beruf: Journalistin

Werdegang: Studierte Ökonomin, Journalistenausbildung, Wirtschaftsredaktorin und dann Auslandkorrespondentin für den «Tages-Anzeiger» in Wien, Istanbul und Kairo.

Aktuell: Freischaffende Korrespondentin in Kairo für verschiedene Zeitungen für den arabischen Raum

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Fotos: Dana Smillie
Veröffentlicht:
Dienstag 01.03.2011, 00:00 Uhr

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