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«Schock im Frauenjahr»

Sibylle Aeberli und Milena Moser sind beste Freundinnen und stehen zum ersten Mal mit «Die Unvollendeten» gemeinsam auf der Bühne.

Coopzeitung: Sibylle Aeberli – was bedeutet es Ihnen, auf der Bühne zu stehen?

Sibylle Aeberli: Ich habe inzwischen das Gefühl, dass ich auf der Bühne wohne. 
Milena Moser: Wenigstens eine von uns.

Und trotzdem tun Sie sich das an und stehen mit Sibylle Aeberli gemeinsam auf die Bühne?
MM: Ich setze mich bewusst immer wieder Dingen aus, bei denen ich vor Angst fast sterbe. Das ist künstlerisch notwendig, dass man wie ein Bungee-Jumper runterspringen und dabei tausend Tode sterben muss – dabei kommt Neues heraus. Das Projekt ist etwas, von dem wir schon seit zehn Jahren reden. 
SA: Die Pläne sind schon vor zehn Jahren in San Francisco entstanden und jetzt langsam gereift. MM: Langsam kann man das nennen, und auf Umwegen, darum heisst es ja auch die «Unvollendeten». 
SA: Wir sind künstlerisch halt sehr unterschiedlich. Jetzt werden wir aber gemeinsam texten und Songs darbieten.

Sie singen, Milena?
MM: (verschluckt sich) Nein, um Himmels willen. 
SA: Aber ich werde sie zum Tanzen bringen. 
MM: Auf der Bühne werde ich das «Chopfgschtabi» in Jeans hinter dem Schreibtisch sein, und Sibylle ist das Glamourgirl …

Um was geht es eigentlich?
SA: Das Thema ist … aber wir sind nicht sicher, ob sich das noch ändert … es ist die Frau. Was heisst es, als Frau, als Künstlerin, heute in der Schweiz zu leben. Was prägt uns, was beschäftigt uns, was haben wir erreicht, was nicht. Wir haben vier Bundesrätinnen, wir haben 40 Jahre Frauenstimmrecht – aber wir tun uns sehr schwer mit dem Thema. Für unser Bühnenprogramm arbeiten wir an einer Frauenhymne, ein Opfersong soll auch vorkommen – und wir betreiben Glücksforschung. MM: Wir kennen uns – wie lange kennen wir uns? 20 Jahre? Wann hast du aufgehört, zu rauchen? Egal. Wir tun uns schwer, weil wir uns schon so lange kennen. Wir schweifen immer wieder ins Persönliche ab – und das jetzt auch auf der Bühne.

Was bedeutet Euch das Frauenjahr?
SA: Anlass zum Schock eigentlich, wie vieles von dem, was wir in den 80ern oder später erreicht haben, heute selbstverständlich ist und wie vieles davon schon wieder verloren gegangen ist. Hat die Schweiz vor oder nach Jemen das Frauen-stimmecht eingeführt? 
MM: Das war nach Jemen. Aber immerhin vor Jordanien. 
SA: Dass die Schweiz sich in der kurzen Zeit doch rasant entwickelt hat, das ist schon beeindruckend. Und gleichzeitig ist es schockierend, dass Feminismus jetzt ein angestaubtes Wort ist, für unverbesserliche Mittelalterliche. 
MM: Das wäre auch ein schöner Titel gewesen: «Die Unverbesserlichen». 
SA: Und doch ist es halt mein Blick auf die Welt. Ich bin kein moderner Mensch.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?
SA: Ich war tatsächlich mit ihrem Bruder liiert, es hat sich dann aber herausgestellt, dass ich es mit der Schwester besser kann als mit dem Bruder.

Was schätzen Sie an Milena?
SA: Sie ist eine der lustigsten, ehrlichsten, natürlichsten und schönsten Frauen, die ich kenne. Wir haben, ob-wohl wir sehr unterschiedlich sind, eine extreme Übereinstimmung im Leben.

Und was schätzen Sie an Sibylle?
MM: Sibylle macht mich fröhlich. Wenn ich mit ihr zusammen bin, dann geht es mir einfach gut. Sie hat eine Fähigkeit, das Leben zu geniessen. Da kriege ich immer eine gute Laune.

Sie sind zwei erfolgreiche Schweizer Künstlerinnen – wem verdanken Sie den Erfolg?
SA: Ich bin ja eher ein Teamplayer. Milena ist als Frau alleine viel bekannter als ich als Frau alleine. 
MM: Wir nehmen sehr ernst, was wir machen, aber wir machen es, weil es für uns so im Moment stimmt. Ich schreibe ja nicht für den Erfolg, ich schreibe, was ich im Moment grad bin, und das macht auf lange Sicht vielleicht den Erfolg aus. 
SA: Ich bin spät darauf gekommen, dass ich etwas für mich mache, weil ich das bin, was ich bin.

Wäre das anders gewesen, wenn Sie ein Mann wären?
SA: Ich hätte anders über mich gesprochen. Dass ich sage: «ich mache», das ist erst seit ein paar Jahren so.

Was für eine Rolle spielt für Euch die Schweiz?
MM: Wir sind extrem geprägt von der Schweiz. Du, Sibylle, von der 80er-Jahre-Bewegung, ich von dem, was ich in meiner Jugend unter Feminismus verstanden habe. 
SA: Ich würde mir manchmal wünschen, dass es bei mir nicht so Schweiz-bezogen ist. Ich empfinde es manchmal als einengend, dass «Schtärneföifi» ein Schweizer Projekt ist. Ich würde es mir wünschen, die Grenze zu sprengen. Die Schweiz ist für mich Fluch und Segen.

Sibylle Aeberli und Milena Moser

Sibylle Aeberli, geboren 1962 in Zürich, ist Musikerin, Komponistin und Schauspielerin. Bekannt geworden ist sie als Frontfrau der Kinder- popband «Schtärneföifi». Daneben ist sie immer wieder mit Produktionen freier Theatergruppen unterwegs.

Milena Moser, geboren 1963 in Zürich, Schriftstellerin. Bekannt geworden mit «Die Putzfraueninsel», «Das Schlampenbuch» und «Artischockenherz». Ihr letztes Buch hiess «Möchtegern». Zusammen mit Sibylle Berg hat sie die «Schreibschule» gegründet.

Zur Homepage von Milena Moser

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 29.03.2011, 08:00 Uhr

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