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«Zum Klima gehören Extremereignisse»

Christine Jutz kennen viele aus der Wettervorhersage von Radio DRS. Am Wetter interessiert sie nicht nur das Wie, sondern auch das Warum.

Coopzeitung: Schönes Wetter haben wir, Frau Jutz. War es heute vor 5000 Jahren auch so schön?
Christine Jutz: Keine Ahnung.

Aber Sie haben doch Klimageschichte studiert.
Genau diese Vorlesung habe ich verpasst. Im Ernst: In den Klimaarchiven, wie wir sie nennen, also im Boden, in Baumringen oder auch im Eis, lässt sich das Klima herauslesen, nicht das Wetter.

Was können Sie dort lesen?
Wir können vor allem qualitative Aussagen über das Klima machen, ob es feucht war oder trocken, kalt oder heiss. Temperaturen kann man nur abschätzen. Dabei geht es je nach Klimaarchiv um einzelne Jahre oder um Zeitabschnitte von Jahrtausenden bis Hunderttausenden von Jahren.

Das interessiert Sie?
Ja. Es ist absolut spannend, was man alles herauslesen kann. Es ist eine eigentliche Detektivarbeit. Das Klima ist ganz entscheidend für die Entwicklung der Menschheit. In Phasen des Klimaoptimums, wenn das Klima günstig war, kam es zu richtigen Entwicklungssprüngen. Die Menschen entwickelten sich von Nomaden zu Bauern. Sie wurden sesshaft und hatten Zeit für Kultur. So verändert das Klima die Evolution.

Inzwischen verändert die Evolution das Klima. Oder doch nicht? Was sagt denn Ihre Wissenschaft: Erleben wir einen Klimawandel?
Das Klima hat sich immerverändert. Das Leben auf der Erde ist mehrmals praktisch ausgelöscht worden, zum Beispiel durch die hohe Aschen-Konzentra-tion nach gewaltigen Vulkanausbrüchen – und ist dann wieder entstanden. Klar ist aber auch, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre noch nie so hoch war wie jetzt, und die Forscher sind sich sicher: schuld daran ist der Mensch, mit seinen Aktivitäten und der Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Sind die Wetterextreme, im Moment ist die Natur drei bis vier Wochen voraus, Folgen dieser Klimaerwärmung?

Man muss Wetter und Klima unterscheiden. Das Wetter beschreibt kurzfristige Ereignisse. Man kann zwar Normen fürs Klima definieren, doch dazu gehören auch Extremereignisse und Wetterkapriolen. Und die Entscheidung, welche Abweichung von der Norm noch «normal» ist, ist schwierig.

Aber die grossen Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürme – das ist doch nicht normal.
Vielleicht erfahren wir bloss mehr über Dürren und Überschwemmungen als früher. Das hat natürlich einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung des Wetters. Dann hätten wir es auch mit Medien-, und nicht nur mit Wetterphänomenen zu tun. Die Anzahl der tropischen Wirbelstürme hat nicht zugenommen. Was zugenommen hat, ist die Schadenssumme. Ob das aber ein Ergebnis der Heftigkeit der Stürme ist oder die Folge falschen Bauens? Ich weiss es nicht.

Die Häufung heisser Sommer haben doch auch Meteorologen bestätigt?
Innerhalb der letzten zehn Jahre gehören sieben zu den wärmsten seit Messbeginn, das ist richtig. Aber was nehmen wir als Basis? Die Klimanorm von 1961 bis 1990? Oder die Erwärmung seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts? Paläoklimatologisch betrachtet ist dieser Zeitraum nichts, ein Wimpernschlag.

Machen Sie sich denn keine Sorgen über das Klima?
Über das Klima nicht, das wird es immer geben. Aber über die Auswirkungen einer Klimaänderung und über unseren Umgang mit der Natur. Das Klima wird uns nicht ins Grab bringen. Wenn aber zum Beispiel die Bienen die Pflanzen nicht mehr bestäuben, haben wir ein ernsthaftes Problem.

Was werden die Meteorologen in 50 Jahren erzählen müssen? «Tageshöchstwerte im Süden heute bis 42 Grad»?
Der Blick in die ferne Zukunft ist schwierig. Die Folgen einer Klimaänderung aufs Wetter lassen sich nicht abschätzen. Was sicher ist: Unsere Landwirtschaft wird sich den geänderten klimatischen Bedingungen anpassen müssen. Wenn zum Beispiel der Regen vor allem im Winter fällt, wird es schwierig für die Bauern.

Dann blicken wir in die nähere Zukunft: Stimmen Ihre Prognosen immer?
Nicht immer, für den nächsten Tag aber meistens. Wir sind jeweils zu zweit im Büro und besprechen die Ergebnisse der Modellrechnungen, bevor wir Prognosen veröffentlichen.

Dennoch haftet der Meteorologie der Ruf an, mal zu treffen und mal daneben zu hauen.
Die Meteorologie hat in denletzten Jahren gewaltigeFortschritte gemacht. Im Unterschied zu anderen Prognosen, Wirtschafts- oder Wahlprognosen, sind wir viel besser. Aber natürlich kann man das Wetter nie zu 100 Prozent voraussagen. Das Wetter ist ein chaotisches System. Das zu prognostizieren ist nicht einfach.

Wie weit voraus prognostizieren Sie?
Wir erstellen Prognosen für fünf bis sechs Tage, bei ruhiger Wetterlage kann es auch eine Woche sein. Die Wettermodelle geben uns Tendenzen für 10 bis 14 Tage an, aber die sind sehr unsicher.

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Steckbrief:

Christine Jutz

Alter: 40
Zivilstand: ledig, in einer festen Beziehung
Wohnort: Ehrendingen AG
Ausbildung: Studium der Geografie mit Schwerpunkt Paläoklimatologie (Klimageschichte), Weiterbildung zur Meteorologin.
Beruf: Meteorologin bei SF Meteo seit Juni 2005, zu hören in der Wettervorhersage auf DRS 1, DRS 3 und DRS Musikwelle und in der Wetterbox.
Hobbys: Keine, aber viele Leidenschaften. Reisen, Jodeln, Rudern und Fliegenfischen.
Link: SF Meteo

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Cristian Lanz
Veröffentlicht:
Donnerstag 11.08.2011, 11:07 Uhr


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