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«Ich will jetzt nichts über Eishockey hören»

Schmilzt das Eis in der Arena von Schweizer Meister HC Davos, taut auch Trainer Arno Del Curto auf.

Coopzeitung: Zurzeit läuft die Eishockey-WM. Interessiert Sie das als Clubtrainer?
Arno Del Curto: Nein.

Auch nicht, was Ihre Spieler dort machen?

Es ist ja nur Goalie Genonimit dabei und der spielt wahrscheinlich nicht. Aber selbst, wenn mehr Spieler dabei wären: Mich hat die WM noch nie interessiert. Ist die Saison fertig, will ich kein Wort mehr über Eishockey hören. Ich schaue mir aber noch Highlights aus der NHL an.

Was interessiert Sie nach der Saison denn als Erstes?

Schlafen, Liegen, Faulenzen. Einfach mal sein. Wenn ich aus dem Zustand wieder erwache, gehe ich gerne Golfen, an Konzerte oder in die Ferien - Strand oder Stadt ist egal: Ich will einfach leben.

Sie gelten als Trainer, der immer für seine Spieler da ist - ausser in der Nebensaison?
Auch dann. Ich mag meine Spieler so gut, dass ich sie gerne treffe. Das hat für mich noch einen persönlichen Vorteil: Ich erfahre auch gleich die aktuellen Trends der Jungen: sei es Musik, Mode, Computer, Handy oder ihr Slang, also den sprachlichen Quark, den sie rauslassen. Ich fühl mich dabei oft so jung wie sie.

Nach dem Gewinn der Meisterschaft erklärten Sie in einem Interview, in den Ferien würden Sie wohl so über die Stränge hauen, dass Sie jemand aus dem Gefängnis holen muss. Suchen Sie Ihr Ferienziel nun nach den Haftbedingungen aus?

Ich trinke normalerweise nicht viel Alkohol. Aber wenn ich trinke, dann meistens zu viel. Und dann werde ich «än unmögliche Siech». Dann werde ich zu einem anständigen «Randalierer».

Was bitte ist ein anständiger Randalierer?
Nun, man ist in der Beiz, umgeben von Leuten, die einen zum Trinken animieren, und plötzlich hält man sich für den Grössten, sieht ein prächtiges Geweih an der Wand und will sich daran hochziehen, aber das Geweih kommt runter. Es artet aus, übertrieben blöd und doch lustig wie in Filmen von Fellini. Wenn ich aber etwas kaputt mache, bezahle ich es immer gleich.

Also blöd tun, ohne dass Personen zu Schaden kommen?

Manchmal kann es schon leichte «Lämpen» geben. Wobei ich gut im Schlichten bin. Ich möchte einfach mal die Sau rauslassen. Ab Mitte Juli muss ich neun Monate anständig sein. Grüezi hier, Ja da und alles drum und dran. Dann bist du Meister und hast Adrenalin in dir: Da muss man Dampf ablassen. Aber eben: Ich zahle meineSchäden. Trotzdem wollte mich die Polizei schon in die Ausnüchterungszelle einlochen. Da lamentierte ich zwar noch grossmaulig rum, aber irgendwann musste ich einsehen: Jetzt gilt es ernst.

Sie wanderten in die Zelle?

Ich habe den Polizisten dann den Grund für mein ausgelassenes Feiern erklärt. Da ich zum Glück in einer deutschen Eishockeystadt war, hatten sie etwas Verständnis und brachten mich ins Hotel. Dort haben sie allerdings 30 Minuten vor meinem Zimmer Wache gestanden, weil ich nicht mehr raus durfte.

Und dieses Jahr gehen Sie wieder nach Deutschland. Weil Sie sich dort gut rausschwatzen können?
Ja. Wobei, das würde in Italien auch noch gehen.

Aber deutsches Bier schmeckt besser.

Wenns nur beim Bier bleiben würde! In Bars gerät man an trinkfeste Leute. Ich vertrage zwar keinen Alkohol, aber mein Charakter sagt: Das schaffst du auch! So passieren tausend Sachen. Als Vorbild sollte ich aber nicht noch mehr davon erzählen - auch wenn wohl 99 Prozent der Leute ehrlicherweise sagen müssten: Ich würde das auch gerne machen.

Ist ja auch menschlich.
Eben, und wenn einer aufheult, ist es auch egal. Wir kennen ja unser Land. Alles ist schlecht, dabei ist eigentlich alles fantastisch gut!

Arno Del Curto kennt man als Querkopf. Was gefällt Ihnen an Golf, der Sportart mit dem wohl grössten Katalog an Benimmregeln?
Seh ich das Grün, versteh ich sogar, dass nicht jeder darauf herumtrampeln soll. Aber man kann die Regeln befolgen und das Spiel trotzdem locker nehmen und ich habe Spass daran.

Sie haben früher in einer Band Gitarre gespielt und einmal Klavier geübt, bis sie die «Mondscheinsonate» spielen konnten. Was hat Musik in Ihrem Leben für einen Stellenwert?
Den höchsten. Musik ist meine wichtigste Inspiration. Ohne Musik könnte ich nicht existieren. Ich höre alle Stile, auch was die Jungen heute hören.

Gibt es einen Song, der für die letzte Saison steht?

«Los» von Rammstein lief immer, bevor die Spieler aufs Eis sind. Zum Aufwärmen war es dann ein Song von MGMT. Zum Dehnen etwas Ruhiges und dann Rage Against The Machine oder ein alter Song der Smashing Pumpkins, damit die Spieler auf Touren kommen.

Was wären Sie gerne geworden, wenn nicht Eishockey-Trainer?

Ganz klar: Gitarrist von Rage Against The Machine. Im Traum, beziehungsweise in Trance, war ich schon oft auf der Bühne mit ihnen. Und glauben Sie mir: Das Hallenstadion war danach gröber verwüstet als damals bei den Rolling Stones. Das Schöne am Musikerleben ist, dass man sich keine Sorgen ums Image machen muss. (schmunzelt) Skandale sind sogar eher verkaufsfördernd.

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Steckbrief:

Arno Del Curto

Beruf: Cheftrainer HC Davos (seit 1996)
Geburtsdatum: 23. Juli 1956, St. Moritz
Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
Karriere: Mit 21 musste er seine Eishockeykarriere als Spieler wegen einer Fussverletzung aufgeben. Er war damals bei den ZSC Lions in der Nationalliga B engagiert. Danach als Trainer in der Amateurliga tätig, ab 1990 mit dem SC Herisau erstmals im Profibereich. 1991 bis 1994 amtete er als Cheftrainer der ZSC Lions in der NLA. Bis zum Engagement in Davos 1996 arbeitete er dann für den EHC Bülach, den HC Luzern sowie für die Schweizer U20-Nationalmannschaft.
Erfolge:
2002, 2005, 2007, 2009 und 2011 Schweizer Meister mit dem HC Davos; 2005 bester Cheftrainer der Nationalliga A, 2009 bester Hockey-Coach in Europa.

Link: HC Davos

Olivier Joliat

Autor

Foto:
Andrea Badrutt
Veröffentlicht:
Donnerstag 11.08.2011, 11:22 Uhr


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