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Thomas Held: «Trete nie zurück!»

Thomas Held denkt auch nach seiner Pensionierung bei Avenir Suisse über die Zukunft der Schweiz nach. Seine wichtigste Forderung: Vergesst 65!

Coopzeitung: Sie haben die Denkfabrik Avenir Suisse geleitet. Wie denkt es sich ohne Fabrik darum herum?
Thomas Held: Das ist überraschend schwierig. Mir fehlen das Team und die Möglichkeiten, mich ständig auszutauschen. Wegen des fehlenden Teams ist meine Produktivität gesunken, durch mehr Stunden muss ich das auffangen. Ich muss deshalb sagen, dass ich jetzt, nach dem Rücktritt, eindeutig mehr arbeite als vorher.

Sie arbeiten nach der Pensionierung mehr als vorher - haben Sie da etwas falsch verstanden?
Nein, nein, es ging ja auch nie um eine Pensionierung. Die Fixierung auf die Pensionierung ist eine Art Armutszeugnis der Wohlfahrtsstaaten. Man hat in den Vorsorgeinstitutionen die riesigen Veränderungen in Bezug auf Alter und Gesundheit nicht nachvollzogen. Die 65 steckt wie eine magische Zahl einfach zu tief in unseren Köpfen drin. Deswegen sind Reformen auch so schwierig. Es geht immer sofort um Besitzstandwahrung, um das sozialpolitische Prinzip, das die Linke mit allen Kräften verteidigt.

Bei Ihnen hat die Guillotine 65 nicht gegriffen?
Nein. Natürlich lassen gewisse Kräfte vielleicht etwas nach. Ich bin aber auch privilegiert, dass meine Arbeit aus Schreiben und Vorträge halten besteht.

Ein Maurer hat es weniger einfach.
Ja, das ist schwieriger. Aber auch Maurer machen Erfahrungen, die sie weitergeben könnten. Es braucht ja auch in einem Baugeschäft Leute in der Arbeitsvorbereitung und in der Ausbildung oder Anleitung.

Wie sehen Sie denn die Zeit in einigen Jahren?
Vielleicht sollte man sich langsam anpassen. Etwas weniger Projekte, etwas kleinere Rayons. Das findet ja auch statt in der Schweiz: Viele ältere Menschen arbeiten in einer Teilfunktionweiter, engagieren sich, für gemeinnützige Arbeiten, machen einen Dienst, der jemandem etwas bringt. Man dreht vielleicht nicht mehr das grosse Rad, dreht aber noch am kleinen Rad. Doch genau darauf kommt es an: Es ist ein grosser Unterschied, ob man nur noch konsumiert oder immerhin noch am kleinen Rad dreht. Der grosse amerikanische Journalist William Safire hatte das Motto «Never Retiere!» - trete nie zurück! Das finde ich einen guten Wahlspruch.

Sie haben kürzlich über die «Überheblichkeit der Schweiz» geschrieben. Wir stehen hier im Dreiländereck - das Ausland ist zu Fuss erreichbar. Ohne enge Zusammenarbeit mit den Nachbarn könnte Basel nicht überleben. Eigentlich im Kleinen die Situation der Schweiz.
Wirtschaftlich gesehen sind das angrenzende Deutschland und Frankreich so etwas wie ein Hinterland für die Schweiz, gerade hier in Basel. Es ging aber in meinem Artikel um die Zusammenarbeit oder um die faktische Abhängigkeit in einem sehr staatlichen Bereich, nämlich um die Sicherheitspolitik. Bei gros-sen Anlässen ist es selbstverständlich, dass die Schweiz eng mit Frankreich oder Deutschland zusammenarbeitet. Denken Sie etwa an den G8-Gipfel in Evian bei Genf oder an die Fussball-Europameisterschaft. Da waren deutsche Polizisten in der Schweiz, es wurden Nachrichten ausgetauscht, der Luftraum wurde gemeinsam überwacht. Regional arbeitet die Schweiz also ganz selbstverständlich mit ihren Nachbarn zusammen, tut dann aber so, als wäre es etwas völlig anderes, wenn es um globale Sicherheitsprobleme geht. Wir können uns da raushalten, weil andere die Arbeit für uns tun, allen voran die USA, aber auch die Nato und die EU. Das blenden wir gerne aus. Ich sagte deshalb, dass die Schweiz oft etwas zu wohlgefällig ist, und das erscheint dann rasch als Überheblichkeit.

Aber die Schweiz ist ja zu Recht stolz. Zum Beispiel gerade auf die Altersvorsorge.
Ich denke, dass wir uns in Bezug auf die Altersvorsorge in einer falschen Sicherheit wiegen. Die AHV bleibt dank vieler hochqualifizierter Einwanderer länger in den schwarzen Zahlen, als noch vor einigen Jahren erwartet. Aber die zweite Säule hat wegen der Tiefzinssituation und der fehlenden Anpassung an die Lebenserwartung grosse Probleme. Die neu ausbezahlten Renten sind nach Schätzung von Ökonomen wahrscheinlich 25 bis 30 Prozent zu hoch. Es wird der Tag kommen, da wir uns mit 65 nicht mehr einfach zurücklehnen und ausruhen können. Die hochqualifizierten Einwanderer finanzieren im Moment unsere Altersvorsorge - umso unverständlicher sind Wünsche, die Einwanderung zu begrenzen.

Ein Argument: Es hat keinen Platz mehr.
Tatsächlich sagen immer mehr Menschen in der Schweiz, wir hätten keinen Platz mehr und müssten deshalb die Einwanderung begrenzen. Das ist traurig, weil andere Länder, geradein Europa, mit Bevölkerungsschwund und Stagnation konfrontiert sind. Wir sind in der Mitte mit dem Gegenteil gesegnet und müssen lernen, damit umzugehen. Wir brauchen eine eigentliche Urbanisierungspolitik. Ich freue mich da-rüber, dass man beginnt, die Städte zu verdichten und höher zu bauen. Da ist Basel ein gutes Beispiel und in Zürich gibt es Ansätze dazu.

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Steckbrief:

Thomas Held

Geboren: 20. März 1946
Zivilstand: verheiratet
Werdegang: Studierte Sozialwissenschaften und Germanistik an der Universität Zürich und promovierte im Bereich Familiensoziologie. Forscher und Lehrbeauftragter an den Universitäten Zürich, Wien, Stanford und Berkeley. Nach Stationen bei Ringier und Hayek Engineering AG machte er sich als Unternehmensberater selbstständig und war zum Beispiel für die Entwicklung und Realisierung des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) zuständig. 2001 bis 2010 war Held Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse.
Aktuell: Am 30. Oktober 2010 wurde Held pensioniert – nur, um sich erneut als Berater und Projektmanager selbstständig zu machen. Eines der Projekte: die Entwicklung eines Musikzentrums auf der Insel Rheinau. Daneben gibt Held Vorträge und schreibt wöchentlich im «Magazin».
Link: Homepage von Thomas Held

Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Donnerstag 11.08.2011, 12:41 Uhr


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