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Cancellara: «Grösster Luxus ist freie Zeit»

Fabian Cancellara startet am Samstag an der Tour de Suisse. Der derzeit beste Schweizer Velorennfahrer über Qualen, Siege und Familienleben.

Coopzeitung: Woran denken Sie bei den Stichworten Lugano und Schaffhausen?
Fabian Cancellara: Da fallen mir spontan Corner Card und IWC ein! (lacht) Im Juni sind diese Städte ausserdem Start- und Zielort der Tour de Suisse ...

Die Zeitfahrten, die dort stattfinden, sind Ihre Domäne. Haben Sie die Strecken schon besichtigt?
Nein, dafür hat man am Renntag genügend Zeit. Ich zerbreche mir über diese Etappen nicht den Kopf. Wenn die Form stimmt, kann ich sie gewinnen.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Schlusszeitfahren durch Bern 2009?

Wunderschöne! Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Als Berner nicht nur in Bern zu gewinnen, sondern damit zugleich die Tour de Suisse, ist etwas ganz Besonderes. Das erlebt man vermutlich nur einmal.

Hat Ihr bislang grösster Rundfahrterfolg den Traum vom Tour-de-France-Gesamtsieg wieder geweckt?
Nein, gar nicht. Ein Rennen von acht Tagen und eines von drei Wochen sind immer noch zwei Paar Schuhe. 

Ihr Ex-Rennleiter Bjarne Riis meint, dass Sie die Tour mit 8 Kilo weniger gewinnen könnten ...

Dafür müsste ich die Vorbereitung und die ganze Ernährung umstellen. Das wäre mir ein zu gravierender Einschnitt in mein Leben. Es ist ja nicht so, dass ich's jetzt bequem hätte und meine Erfolge locker nach Hause fahren könnte. Im Gegenteil: Wenn alle auf dich aufpassen und noch mehr Gas geben, um dich schlagen zu können, wird es eh immer härter. 

Sie sind seit fünf Jahren Vater. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für das Familienleben?
Nie genug! Selbst, wenn ich zu Hause bin, läuft bei uns immer so viel, dass mir am Ende des Tages ein paar Stunden fehlen ... Aber man muss eben Kompromisse finden zwischen Sport, Familie, Sponsoren und Freunden - und darf sich dabei selbst nicht vergessen. 

Worauf müssen Sie verzichten?
Der grösste Luxus ist freie Zeit. Aber man kann eben nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Das hat sogar schon meine Tochter realisiert. Gestern hat mir Giuliana gesagt: «Ich würde gerne mit dir gehen, aber ich will auch gerne bei Mama bleiben. Ich kann mich aber nicht zweiteilen.» Das war so süss und hat mir total aus dem Herzen gesprochen. 

Wann fällt es Ihnen am schwersten, sich zu quälen?

Wenn es draussen nasskalt ist und man allein aufs Velo muss, um sich im Training die gewisse Härte und das Stehvermögen für die wichtigen Rennen zu holen. Da fällt es einem schon schwerer, den inneren Schweinehund zu überwinden, als wenn man eine Nummer auf dem Rücken hat.

Was ist im Radsport erlaubt, um die Grenzen seines Leistungsvermögens hinauszuschieben, und wo beginnt das Doping?

Legal ist alles, was nicht verboten ist. Die Regeneration ist besonders schwierig. Am liebsten würde man einfach die Beine abschrauben und neue montieren. Weil das nicht geht, sind das Mentale, die Massage, Ernährung sowie Bett, Bettwäsche und Temperatur im Hotelzimmer - sehr viele Details - für die Erholung von grosser Bedeutung. 

Infusionen waren zu Beginn Ihrer Karriere erlaubt, jetzt nicht mehr. Dürfen Sie noch Schmerzmittel nehmen?

Ja, gewisse Sachen sind zugelassen, auch Hustensirup, wenn man erkältet ist. Schliesslich sind wir Menschen und keine Roboter oder Maschinen. Deshalb ist es auch für jemand wie mich, der seinen Körper sehr gut kennt, oft schwierig einzuschätzen, ob ich nur an mein Limit gegangen bin oder schon darüber hinaus. 

Mit Ihren Siegen sind Sie zum Radsporthelden geworden. Ist Ihnen Ihre weisse Weste nun besonders wichtig, weil Sie auch ein Vorbild sind?

In erster Linie will ich sie für mich haben, um morgens in den Spiegel schauen zu können. Aber natürlich halte ich an meiner Philosophie auch fest, um den Leuten Freude machen zu können und ihren Respekt zu verdienen. 

Wie berührt es Sie, dass man in Ittigen eine Brücke nach Ihnen benannt hat?

Eigentlich wollte die Gemeinde eine Strasse auf meinen Namen taufen, doch es war keine frei. Dann erinnerte man sich an diese anonyme Fussgängerüberführung. Nun gibt es in Bern neben der Kornhaus-, Lorraine- und Montbijou- eben eine Cancellera-Brücke. Das ist mir eine Ehre.

Welches sind Ihre nächsten sportlichen Ziele?

Nachdem ich im Zeitfahren schon alles gewonnen habe, sind es nun die Strassenrennen bei der WM im Herbst in Kopenhagen und bei den Olympischen Spielen in London im Sommer 2012, auf die ich fokussiere. Viel verändern werde ich nicht. Am Tag X muss einfach alles zusammenpassen ...

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Steckbrief:

Fabian Cancellara

Beruf: Veloprofi
Geburtsdatum: 18. März 1981 in Wohlen BE
Zivilstand: verheiratet mit Stefanie, Tochter Giuliana (5)
Wohnort: Ittigen BE
Erfolge: Titel im Zeitfahren: Olympia-Gold (2008), Weltmeister (2006/07/09/10). Sechs Tour-de-France-Etappensiege, Tour-de-Suisse-Gesamtsieg 2009. Siege bei Eintagesklassikern: Paris–Roubaix (2006 und 2010), Mailand–San Remo 2008, Flandern-Rundfahrt 2010. Silber beim Olympia-Strassenrennen 2008.
Biografie: Benjamin Steffen/Christof Gertsch: «Fabian Cancellaras Welt» (Verlag NZZ)
Aktuell: 19. bis 25. September: WM in Kopenhagen.
Link: Homepage von Fabian Cancellara

Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Tim de Waele
Veröffentlicht:
Donnerstag 11.08.2011, 13:27 Uhr


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