Andreas Vollenweider: Aus der Reserve

Grammy-Gewinner Andreas Vollenweider kehrt nach 30 Jahren nach dem Debüt mit seinen «Friends» ans Montreux Jazz Festival zurück. Lesen Sie, warum der 57-Jährige besonders in Südafrika viele Fans hat.

Coopzeitung: Am 7. Juli treten Sie in Montreux auf. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Konzert bei diesem Festival vor 30 Jahren?
Andreas Vollenweider: Wir hatten nicht den leistesten Verdacht, was auf uns zukommen würde! (lacht) Ich habe in dieser Zeit meistens allein auf der Harfe experimentiert, aber für diesen Auftritt habe ich einen Schlagzeuger und einen Perkussionisten hinzugezogen, was ja eher eine kurlige Besetzung ist. Das Experiment ist jedoch gelungen und hat dafür gesorgt, dass dieser eigenartige Sound ernst genommen wurde. Vorher dachten die Leute, dass ich nicht ganz Hundert wäre. Und lagen damit nicht ganz falsch. Ich bin es wohl noch immer nicht. (lacht)

Welche alten und neuen Freunde bilden diesmal Andreas Vollenweider & Friends?
Schlagzeuger Walter Keiser, seit damals dabei, Daniel Küffer, der alle Blasinstrumente beisteuert, und Perkussionist Andi Pupato bilden mit mir das Quartett, das ich je nach Projekt ergänze. In Montreux sind das Steff la Cheffe, Oliver Keller, Daniel Pezzotti, Sandro Friedrich, Greg Galli sowie die Gäste Richard Bona aus Kamerun, Raul Midón aus den USA und die südafrikanische Gesangsgruppe Yimbelela.

Werden Ihre Kinder ebenfalls mit Ihnen musizieren?
Der eine Sohn hat mal auf einer Platte Didgeridoo gespielt, der andere Human Beatbox gemacht. Auch meine Tochter musiziert, aber bisher zeigen alle drei keine Ambitionen, professionelle Musiker zu werden. Das ist auch O.k. so. Als kürzlich einer der Jungs meinte, dass er sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen könnte, hat mich die Tiefe dieser Aussage aber enorm gefreut.

Sie wohnen direkt am Zürichsee. Inspirieren Sie die Elemente Wind und Wasser?
Für mich ist Inspiration die Quersumme alles Erlebten und Erfühlten. Sie lässt sich nicht an einen Ort festmachen. Aber Natur ist für mich natürlich sehr wichtig, ein Ausgleich und eine Referenz.

Weil Sie mit den Titeln Ihrer Kompositionen auf sie Bezug nehmen?
Ja, die Titel bieten mir die Möglichkeit, in den Zuhörern eine besondere Neugierde zu wecken. Ich versuche, mit dem Medium Musik Menschen zu verführen, ihre Fantasie neu zu entdecken.

In Südafrika scheint das besonders gut zu funktionieren.
Es ist wirklich erstaunlich, wie unsere Musik dort regelrecht adoptiert wird, obwohl sie keine Worte hat – oder gerade deshalb? Bei den Demonstrationen gegen die Apartheid haben die Schwarzen zu ihr eigene Texte gesungen, die zur Versöhnung aufriefen.

Ein Stück ist zu einer Anti-Apartheid-Hymne geworden. Welches, und wie kam das?
Das ist «Pearls And Tears». Ich habe es 1988 in Gedanken an meine Schwester komponiert. Sie lebt in Südafrika und hatte mir erzählt, dass das Land kurz vor einem Bürgerkrieg stünde.

Wie waren die Erfahrungen auf Ihrer letztjährigen Südafrika-Tournee?
Es war einmal mehr eindrücklich, wie Musik Menschen verbindet und öffnet. Als wir in Kapstadt im Hochsicherheitsgefängnis Pollsmoor für Gefangene spielten, hat mir ein mehrfacher Mörder, dessen Gesichtsausdruck einem sonst Angstschweiss auf die Stirn treiben würde, mit einer berührend herzlichen Umarmung gedankt.

Bei einem anderen Konzert haben Sie mit einem Strassenmusiker gespielt ...
Ja. Ich habe gesehen, wie er mit einem Bogen gefühlvoll über Drähte strich, die er über eine Ölkanne gespannt hatte. Ich lud ihn spontan zu meinem Konzert ein. Obwohl er kein Englisch und ich kein Sesotho verstand, verstanden wir uns in der Sprache der Musik ganz wunderbar und die Leute in der Halle tobten vor Begeisterung!

Sie sind der einzige Schweizer Grammy-Gewinner und haben 15 Millionen Alben verkauft. Trifft Sie die verhältnismässig geringe Wertschätzung in der Heimat?
Vielleicht haben wir uns auch etwas zu wenig darum bemüht. Es ist schon auffallend, welch geringes Selbstwertgefühl die Schweizer haben. Kürzlich sagte eine Stewardess: «Herr Vollenweider, das ist doch verrückt. Der Erfolg, den sie überall auf der Welt haben. Wenn man denkt, dass Sie Schweizer sind!» Man muss sich nicht wundern, dass unser Land in der Weltpolitik nicht mehr ernst genommen wird, wenn wir es selbst nicht tun.

Sogar Prince zählt zu Ihren Fans. Vor seinen Konzerten lässt er Ihre Platten laufen. Wie ist es umgekehrt?
Er ist ein genialer Künstler, den ich sehr schätze. Wir verzichten aber möglichst auf die Beschallung des Publikums im Vorfeld – und wenn, müsste es wohl eher jemand sein, der es ruhiger angeht ...

Von Ihrem neuen Manager, Peter Zumsteg, habe ich erfahren, Sie würden sich auf der nächsten CD, die Sie 2012 veröffentlichen, neu erfinden. Verraten Sie uns mehr?
Nur so viel: Ich arbeite zum ersten Mal mit einem Produzenten zusammen. Ein toller Typ, der mich wirklich aus der Reserve lockt!

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Steckbrief:

Beruf: Musiker und Geschichtenerzähler 
Geburtsdatum: 4. Oktober 1953 in Zürich 
Zivilstand: verheiratet mit Beata, 3 Kinder 
Wohnort: Stäfa Laufbahn: 1975 beginnt er Harfe zu spielen; 1979 erste LP, 1981 erste Konzerte von Andreas Vollenweider &  Friends, Grammy für «Down To The Moon» (1986), Grammy-Nominationen für «Cosmopoly» (2000) und «The Magical Journeys» (2007) Aktuell: 7. Juli am Montreux Jazz Festival
Link: Homepage von Andreas Vollenweider

Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Donnerstag 11.08.2011, 13:33 Uhr


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