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«Psychoanalyse ist eine Art Theorie von Menschen und ihrer Kultur»: Peter Schneider in seiner Zürcher Praxis.

Peter Schneider: «Ich bin Zeitungsfreak»

Peter Schneider ist Psychoanalytiker und Satiriker. In «Die andere Presseschau» auf DRS 3 hält er den Medien täglich den Spiegel vor.

Coopzeitung: In Abwandlung eines Buchtitels ... Wer sind Sie und wenn ja, wie viele?
Peter Schneider:
Wenn ich das wüsste. Ich habe Mühe, mich identitätsmässig festzulegen. Sagen wir: ein Konglomerat von nicht ganz gleichen Seelen, die zusammen irgendwie etwas ergeben, was manchmal ganz gut zusammenpasst und manchmal nicht.

Warum Psychoanalyse?
Psychoanalytiker zu werden, war ein Bubentraum. Ich hatte den Berufswunsch schon mit 15 Jahren. Freud war, neben Tucholsky, mein Jugendheld. Ursprünglich wollte ich mal Theaterwissenschaft und Germanistik studieren, dann habe ich mich für Philosophie und Literaturwissenschaft entschieden – aber immer im Hinblick darauf, Psychoanalytiker zu werden. Die Psychoanalyse hat mich – abgesehen von der Hoffnung, mich damit aus den eigenen Knörzen zu befreien – am meisten von ihrer kulturwissenschaftlichen Seite interessiert.

Was bedeutet das?
Ich habe Psychoanalyse nie für eine Spezialdisziplin von Medizin oder Psychologie gehalten, sondern eher für eine Art Theorie von Menschen und ihrer Kultur, die auch noch dazu dient, Neurosen zu behandeln. Aber dass ich mich nicht nur theoretisch mit der Analyse beschäftigen, sondern sie auch praktizieren will, war mir ebenfalls von Anfang an klar.

Stimmt. Sie legen ja hier Patienten auf die Couch. Patienten, die Ihre Stimme aus satirischen Sendungen auf DRS 3 kennen. Nehmen die Sie überhaupt ernst?
So ernst, wie man mich auch sonst halt nehmen kann.

Ist die Satire eher die Rückseite der Psychoanalyse oder eher ihr Ventil?
Wenn, dann eher die Rückseite. Das Schlagen unerwarteter Verbindungen ist beiden Disziplinen gemeinsam. Meine ersten satirischen Schreibversuche und die Entdeckung der Psychoanalyse fanden gleichzeitig statt. Ich habe mich erst vor Kurzem wieder daran erinnert, wie wichtig beides damals für mich war.

«Die andere Presseschau» ist eigentlich eine tägliche Medienkritik.
Ja, vor allem. Die Politsatire nimmt bei mir den Umweg über den Kommentar am Geschriebenen. Das betreibe ich nun schon zwanzig Jahre, und mit der Zeit befällt einen als Grundstimmung ein Überdruss daran, wie über die Jahre besonders in den «soft news» immer wieder derselbe Käse auf-gewärmt und einem hysterisch als neuer Trend angedreht wird. Diese Mischung aus Überdrehtheit und abgegriffenen Floskeln, neuesten Erkenntnissen und elendsten Klischees – puh!

Sie legen die Funktionsweise der Medien bloss, indem Sie refrainartig Versatzstücke zitieren. Zum Beispiel: «Experten sind alarmiert».
Was auch immer in der Welt passiert, es gibt immer einen Experten, der darüber vorschriftsmässig «entsetzt» ist, sei das nun die neuste Kassensturz-Skandalsierung einer Bagatelle, sei es sonst ein Skandälchen. Darüber hinaus ist es grauenvoll zu sehen, für welch intellektuell niederschwelligen Erkenntnisse sogenannte Fachpersonen gebraucht werden, um es noch einmal zwischen Anführungszeichen zu sagen. Das führt dazu, dass wirkliche Expertise, also solche, die nicht nur markig irgendetwas behauptet, sondern durch Fakten und Argumente darlegt, unter die Räder kommt.

«Prävention im Kindergarten wird gefordert.»
Man will aufklären und merkt dabei nicht, dass Aufklärung halt eine zweideutige Sache ist. Es bedeutet nicht nur zu sagen, wo der Storch die Kinder in Wirklichkeit herholt, sondern vor allem selber denken. Man will die Aufklärung in die Schulen tragen, aber schreibt als Lernziel bereits vor, was dabei herauskommen soll.

«Für psychologische Betreuung wird gesorgt.»
Da verbindet sich die Kritik an den Textbausteinen mit einer Grundsatzkritik an schlechter Psychologisierung. Ich fürchte, die Stereotypie liegt nämlich auch in der Sache selbst: Was immer «psychologische Betreuung» sein mag, sie wird unterschiedslos verordnet wie das Aspirin im Urwaldspital.
Es gibt Situationen, die schlimm sind, zu denen man aber auch psychologisch nicht viel mehr sagen kann, als dass sie schlimm sind.

Was lesen Sie denn für sich selbst?
Leider viel zu wenig, weil ich immer so viel schreiben muss. Theoretisch im Moment vor allem Wissenschaftsphilosophie. Die letzten belletristischen Bücher waren der neue Arno Geiger und von Michael Chabon «Cavalier und Klay».

Und Medien?
(lacht) Ich bin aber trotz allem immer noch ein Zeitungsfreak. Wenn ich nicht berufsmässig lesen müsste, wäre es allerdings ein kleineres Spektrum. Fernsehen benutze ich nie für News, nur für Filme.

Ist die Welt noch zu retten?
Hm. War Sie das jemals? Die Presseschau hat manchmal schon etwas Weltverbesserndes, was ich aber sicher nicht bin, ist Kulturpessimist. Ich glaube nicht, dass die Welt oder auch nur die Kultur dem Untergang geweiht ist. Allerdings hat die Qualität der Medien zum Beispiel schlicht aufgrund von Sparmassnamen schon nachgelassen.

Was ist Ihr grösstes Glück?
Das grösste Glück ist mir grad ein paar Nummern zu gross. Glück macht deshalb glücklich, weil es eher etwas Kleines, aber sehr Konkretes ist. Als ich gestern abend zusammen mit meinem Sohn auf dem Sofa gelegen bin und wir zusammen den Film «My Sister’s Keeper» angeschaut und natürlich beide am Ende geheult haben – da war ich zum Bespiel ziemlich glücklich.

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Steckbrief:
Peter Schneider

Beruf: Pistenbauer, Ski-Experte
Geburtsdatum: 20. September 1957 in Dorsten 
Zivilstand: verheiratet, 1 Sohn 
Wohnort: Zürich
Laufbahn: Studium von Germanistik, Philosophie und Psychologie an den Universitäten von Bochum, Münster und Zürich. Betreibt eine Praxis als Psychotherapeut in Zürich und ist in Zürich und Bremen als Dozent tätig.
Aktuell:
«Die andere Presseschau» auf DRS 3, Kolumnen in «Tagesanzeiger», «Bund» und «Sonntagszeitung».
Link:
Homepage von Peter Schneider

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Sonntag 31.07.2011, 08:00 Uhr


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