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Sol Gabetta: «Eigentlich habe ich alles»

Persönlich. Die argentinisch-schweizerische Weltklasse-Cellistin Sol Gabetta über ihr eigenes Orchester, ihre Wünsche für 2011 und nicht vorhandenen Neid.

Coopzeitung: Der Jahreswechsel naht. Was wünschen Sie sich für 2011?

Sol Gabetta: Klar, man kann sich immer etwas wünschen. Aber wenn man, wie ich, aus einem armen Land wie Argentinien kommt, schätzt man schon sehr, was man hier in der Schweiz hat. Eigentlich habe ich alles.

Haben Sie Vorsätze gefasst?
Meine Perspektive geht nicht von Jahr zu Jahr, sondern läuft in drei Linien. Die grosse Linie umfasst jeweils drei Jahre, die mittlere die nächsten Tage und Wochen, und die kurze Linie ist das, was jetzt passiert. – Da fällt mir gerade ein, einen grossen Wunsch habe ich doch: Ich wünsche mir, genauso tolle Konzerte geben zu dürfen wie bisher – aber vielleicht ein bisschen weniger, damit mir mehr Zeit für mich selber bleibt. Ich habe ja ein wunderbares Haus in Olsberg – und bin eigentlich nie da. Das ist doch sehr schade. Das möchte ich ändern.

Ist dies der Grund dafür, dass sich Ihre Konzerttätigkeit zum grössten Teil auf Mitteleuropa beschränkt.
Ja, genau. Ich habe einfach keine Lust, jeden Monat zweimal nach Amerika zu reisen. Zweimal im Jahr reicht.

2010 kehrten Sie für Konzerte auch in Ihre Heimat Argentinien zurück. War das für Sie speziell?
Es war tatsächlich speziell. Einfach schade, dass die Musiker gestreikt haben, und das Personal den Konzertsaal nicht öffnete. Da standen 4000 Leute vor der Türe und konnten nicht rein. Ich auch nicht. Ich konnte es nicht glauben. Aber sonst war es eine sehr schöne Woche: Ich hab viel Fleisch gegessen.

Einen Wunsch haben Sie sich ja schon erfüllt, indem Sie Ihr eigenes Orchester gegründet haben, die Cappella Gabetta mit Ihrem Bruder Andres als Konzertmeister und Leiter.
Ja, es ist natürlich wunderbar. Oft schätzt man ja die Leute, die einem ganz nahe sind, zu wenig. Auch da bin ich privilegiert. Mein Lebenspartner Christoph Müller ist einer der grossartigsten Musikagenten, die ich kenne – und ich kenne viele. Und jetzt kann ich auch die Zusammenarbeit mit meinem Bruder wieder aufleben lassen, mit dem ich schon früher wunderbar zusammengespielt habe.

Früher?
Als ich fünf war und er zehn. Es ist wirklich schade, dass wir uns geografisch zwischenzeitlich so weit entfernt haben und es nicht mehr Berührungspunkte gab. Einen Berührungspunkt gibt es schon: die Barockmusik. Klar, er ist ja ein phänomenaler Barock-Geiger und hat viel mehr Erfahrung mit Barock-Musik als ich. Insofern ist er die perfekte Person, um unser Ensemble zu leiten.

Ist die Cappella ein Barock-Ensemble oder werden Sie das Repertoire erweitern?
Im Moment nur Barock, aber ich hoffe, dass wir in Zukunft bis zur Klassik gehen können. Aber wir werden sicher keine romantische Musik spielen, denn dazu bräuchte man ein viel grösseres Ensemble; wir sind ja nur 16 Musiker. Sie machen den ganzen Tag Musik.

Hören Sie sie auch in Ihrer Freizeit?
Ja, wir hören viel Musik.

Welche Art von Musik?
Natürlich sehr viel Klassisches, aber auch Jazz. Viele klassische Musiker denken ja, weil sie sogenannt ernste Musik machen, seien sie die einzigen ernsthaften Musiker und schauen auf die andern hinab. Das ist ein grosser Fehler: Je mehr man hört und kennt – egal, aus welcher Musikrichtung –, desto besser; vorausgesetzt natürlich, die Musik ist auf Top-Niveau gespielt.

Werden Sie manchmal neidisch, wenn Sie die Interpretationen anderer Cellisten hören?
Warum sollte ich? Das wäre ja krank. Wenn ich auf jemanden neidisch bin, dann auf Leute, die die Zeit zu schätzen wissen, die ihr Ego beiseiteschieben können und bereit sind, ihre Arbeit in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Bildlich gesprochen: die bereit sind, den Dürstenden in Afrika einen Eimer Wasser zu bringen oder ein Paket mit Lebensmitteln. Musik ist etwas Wertfreies. Davon wird niemand satt. Das stimmt natürlich. Ich helfe den Leuten nicht, ihre Bäuche zu füllen, aber ihre Seele. Wenn ich nach einem Konzert sehe, wie berührt die Leute zum Teil sind – manche weinen sogar –, dann ist das wunderschön. Bei Kindern besonders, denn ich weiss, die haben etwas erlebt, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden.

Auf Ihrer Repertoire-Liste stehen über 50 Werke. Könnten Sie diese jetzt alle spontan auswendig vortragen?
Nein, ich bin keine Maschine. Es gibt vielleicht zehn Cello-Konzerte, die ich jetzt sofort spielen könnte. Ein Musikstück ist wie ein Buch, das man liest, mit dem man sich beschäftigt, das man toll findet, in die Bibliothek stellt und nach einiger Zeit wieder hervorholt. Irgendwo ist der Inhalt zwar noch gespeichert, aber um an ihn ranzukommen, muss man das Buch erst abstauben. Kommt dazu, dass man sich auch selber weiterentwickelt hat und einige Passagen anders versteht als damals, als man mit dem Stück intensiv gearbeitet hat.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Dienstag 28.12.2010, 00:00 Uhr
Aktualisiert:
28.12.2010

Steckbrief
Sol Gabetta

Geboren: 1981 in Córdoba, Argentinien
Wohnort: Olsberg AG
Zivilstand: Lebt zusammen mit ihrem Freund und Musikagenten Christoph Müller, Cellist im Kammerorchester Basel.
Aktuell: Neugründung des Barock-Orchesters Cappella Gabetta unter der Leitung von Sol Gabettas Bruder Andres. Erste Tournee vom 27. Dezember bis 6. Januar, vor allem in Deutschland, am 1. Januar im Casino Bern und 2. Januar in der Tonhalle Zürich. Die Tournee der Cappella geht im Juni beim Solsberg-Festival weiter.


Link:
Homepage von Sol Gabetta

 

 



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