Yves Studer: «Fighten, boxen, Punkt»

Persönlich. Der Mittelgewichtler Yves Studer boxt am 26. Dezember in Bern um den Weltmeistertitel. Mit grossem Herz und extremem Willen.

Coopzeitung: Boxen am Stefanstag: Da ist wohl nichts mit einem Glas Wein zum Weihnachtsbraten.
Yves Studer: Das Wägen findet am 25. Dezember statt. Danach kann ich mit meiner Familie noch zu Abend essen und ein bisschen Weihnachten feiern. Natürlich nicht so, wie ich Lust hätte.

Das heisst?
Mein Problem ist: Ich esse sehr gern und habe dummerweise all das am liebsten, was ungesund ist.

Mit welchen Folgen?
Als Mittelgewichtler darf ich höchstens 72,5 Kilo schwer sein. Zwischen den Kämpfen sind es um die 78. Ein paar Wochen vor einem Kampf sage ich mir dann: So, fertig, jetzt muss ich wieder gesund essen, mehr Gemüse, weniger Pommes. Dann kommt das Gewicht schnell runter. Nach einem Monat habe ich dann mein Kampfgewicht.

Wenn Sie am Stefanstag gegen mich antreten würden, würden Sie sich auch so konsequent vorbereiten?
Müsste ich das? (lacht) - Nein, im Ernst: Man muss jeden Kampf seriös vorbereiten. Wenn der erste Gong ertönt, kann alles passieren. Gerade einer, der nicht so gut boxt, macht vielleicht etwas, was man überhaupt nicht erwartet, dann kommt ein Schlag, man sieht Sternchen, und bevor der Kampf richtig angefangen hat, ist er zu Ende.

Zumal das ja unglaubliche Schläge sind. Ich vermute, ein Schlag von Ihnen, und ich wäre tot.
Wenn ich im Kampf bin, bin ich voll Adrenalin, da spürt man die Schmerzen weniger. Das ist das eine. Und das andere: Es ist sehr selten, dass man einen fadengeraden Hammer an den Kopf bekommt. Wir haben ja die Hände vor dem Gesicht und wenn der Schlag kommt, geht man mit dem Kopf zurück. Das nimmt einem Schlag sehr viel von seiner Härte. Schlimm ist, wenn man ausweicht, mit dem Kopf hochkommen will und dann dem Schlag voll entgegen geht.

Dass Sie dank Ihrer Muskulatur gewisse Schläge, zum Beispiel in den Bauch, besser abfedern können als ich, leuchtet mir ein. Aber bricht ihr Kiefer weniger leicht als meiner?
(lacht) Das weiss ich nicht, das müssten wir ausprobieren... Es kann schon sein, dass ich am Tag nach dem Kampf Schmerzen im Kiefer habe und nicht zubeissen kann, wie gewohnt. Aber das kommt wieder.

Und das macht Spass?
Schläge zu bekommen und dann nicht mehr essen zu können? Nein. Aber das ist ja nicht das Ziel. Mein Ziel ist es, Schläge auszuteilen, sodass der andere nicht mehr essen kann. - Das macht Spass, ja.

Gott, sind Sie ein Sadist!
So würde ich das nicht sagen. Ich bin ein sehr friedfertiger Mensch.

Hatten Sie schon mal eine Schlägerei ausserhalb des Boxrings?
Nein, nein.

Weil die Leute Sie kennen!
Das habe ich nicht gesagt. Klar, hätte ich irgendeinem idiotendummen A ... schon mal gerne eins in die Fresse gegeben. Aber da muss man abwägen, ob sich dies angesichts der Konsequenzen lohnt: Boxlizenz weg, Gerichtsverfahren, ein Lebenlang zahlen, schlechte Presse. Da lässt man's besser.

Was fasziniert Sie denn am Boxen?
Ich begann mit acht Jahren zu trainieren, stand mit neun zum ersten Mal im Ring. Das Boxen gehört einfach zu mir, zu meinem Leben. Ich identifiziere mich mit dem Boxen. Ich bin Boxer und werde es mein Leben lang bleiben - auch wenn ich mit dem Boxen mal aufhören werde.

Von Ihren 26 Profikämpfen haben Sie noch keinen verloren, aber nur sechs durch K.o. gewonnen. Kritiker sagen, Sie hätten zu wenig Punch, um ganz nach oben zu kommen.
Meine K.o.-Bilanz ist nicht extrem gut, das stimmt. Andererseits muss man sehen, dass ich immer gegen Leute aus dem Ostblock kämpfe, und das sind harte Kerle. Die wollen einen guten Kampf machen, damit sie wieder eingeladen werden, anständig Geld verdienen und in ihrem Land gut leben können. Die fallen nicht so schnell um. Da haut man sich zum Teil die Hände wund, und die stehen noch. Und man fragt sich: «Gottverdammi, warum geit dä net abe?» - Aber ich habe nicht die härtesten Schläge, ich habe kein Talent - ich habe nur ein grosses Herz und einen extremen Willen.

Sie haben einen 100-Prozent-Job bei der Securitas. Wie bringen Sie das mit dem aufwendigen Training eines Profisportlers unter einen Hut?
Schauen Sie: Bei uns im Boxkeller hat es Leute, die trainieren fünf Mal pro Woche - nur zum Spass. Dann werde ich, der ich ein Ziel habe, wohl in der Lage sein, mein Leben so zu organisieren, dass ich ein, zwei Mal am Tag trainieren kann. Klar, ich habe den Schlüssel zum Boxkeller und «Brünu», mein Trainer, ist sehr flexibel: Wenn ich morgens um fünf mit der Arbeit fertig bin, kann ich ihn anrufen, und um Viertel nach fünf trainieren wir.

Boxern wirft man oft vor, Sie hätten grosse Muskeln, aber ein kleines Hirn. Kann ein unintelligenter Mensch denn überhaupt gut boxen?
Das sind Aussagen, die mich amüsieren. Aber sie haben den Vorteil, dass man die Leute mit einem einzigen gescheiten Satz beeindrucken kann. Ich habe meinen IQ zwar noch nie getestet, aber ich bin sicher nicht der Dümmste. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wäre ich sogar ein gescheites Köpfchen; ich war in der Sekundarschule. Aber ich bin, was das Intellektuelle betrifft, ein fauler Sack: Ich mag nicht lernen, nicht lesen, nicht Aufgaben machen. Das Einzige, was es für mich gibt, ist fighten, boxen, Punkt.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Dienstag 21.12.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief
Yves «Pit Bull» Studer

Geboren: 28. August 1982 in Fribourg
Wohnort: Wabern bei Bern
Zivilstand: Ledig, lebt mit seiner Freundin zusammen
Grösse/Gewicht: 172,5 cm / 71 bis 78 kg
Beruf: 100-Prozent-Mitarbeiter bei Securitas, daneben Profi-boxer seit 2004
Erfolge: Amtierender Champion der europäischen Nicht-EU-Staaten im Mittelgewicht (bis 72,5 kg); 26 Kämpfe, 25 Siege (davon 6 vorzeitig), 1 Remis
Aktuell: Kämpft am 26. Dezember im Kursaal Bern gegen den Brasilianer Samir Dos Santos Barbosa um den WM-Titel des IBC.
Link: Homepage von Yves Studer



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