Nikolaus Gelpke ist Verleger und Chefredaktor der Zeitschrift «mare». Sein Büro befindet sich in der Speicherstadt am Hamburger Hafen, dem grössten Lagerhauskomplex der Welt.

Nikolaus Gelpke: «Das Meer hat keine Lobby»

Persönlich. Nikolaus Gelpke hat mit dem World Ocean Review eine wissenschaftliche Bestandesaufnahme des Meeres initiiert. Der Schweizer Chefredaktor und Verleger der Zeitschrift «mare» will nichts weniger als das Meer retten.

Coopzeitung:Sie kämpfen seit vielen Jahren für das Meer. Warum tun Sie das?
Nikolaus Gelpke: Die meisten Menschen nehmen das Meer nur für die Ferien wahr, und das wird seiner Bedeutung für unser Überleben nicht gerecht. Das Meer braucht auch Anwälte, wie etwa der Tropenwald sie schon hat. Nur: In einen Tropenwald können Sie hineingehen und sehen, was beschädigt ist, im Meer ist das fast nicht möglich. Aber wenn Sie es nicht kennen, können Sie es auch nicht schützen.

Mit «Das Meer hat keine Lobby» haben Sie einst einen Artikel begonnen. Das stimmt ja nicht ganz. Das Meer hat sogar eine eigene Zeitschrift.
Ich hielt es für eine gute Idee, die Menschen über Wissen zu sensibilisieren und sie en passant auf die Schönheit und die Vielfältigkeit des Meeres aufmerksam zu machen - ohne den Zeigefinger zu erheben. Aber Wissen alleine reicht nicht mehr, es ist jetzt Zeit, etwas zu tun. Man muss sich das Meer wie einen Supertanker vorstellen: Wenn der einmal in Fahrt ist, braucht er sehr lange, um zu bremsen. Wir haben Klimaveränderungen, deren Einfluss aufs Meer nicht einfachabzustellen ist. Damit Politiker aktiv werden, müssen Menschen mithilfe der Medien Druck ausüben. Dafür brauchen sie Fakten. Deshalb haben wir den World Ocean Review initiiert.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern haben Sie nun den ersten World Ocean Review (WOR), also eine Art Bestandesaufnahme des Meeres, publiziert. Wie sieht die Situation aus?
Das Meer ist sehr krank. Man kann aber nicht etwa sagen: Der Patient hat Herzbeschwerden oder eine Lungenentzündung. Das Krankheitsbild ist vielfältig. Teilweise kann man etwas vergleichsweise leicht machen - bei der Überfischung etwa mit Schutzgebieten und Fangquoten. Anders sieht es zum Beispiel bei der Versauerung der Meere aus: Zwar ist es für uns ein Glück, dass das Meer C02 aufnimmt - ungefähr die Hälfte von dem, was wir produzieren. Nur: Die Meere werden dadurch saurer, was die Kalkschalen und Skelette der Meeresbewohner schädigt und extreme Folgen auf Artenzusammensetzung und -vielfalt hat. Das grosse Problem ist: Die Entscheide von Politikern werden vielleicht in 100 Jahren Wirkung zeigen, aber nicht in der nächsten Legislatur.

Mit dem WOR wollen Sie Wissen vermitteln. Sie machen das unaufgeregt, tiefgründig. Dasselbe gilt für «mare» - entspricht dies auch Ihrem Wesen?
Ja, sicher. Wenn man Panik macht und alles zuspitzt, springt man zu kurz. Es gibt so viele Scharfmacher heutzutage, auch in den Medien - das ist meistens nicht gerade nachhaltig. Das, was ist, ist interessant und aufregend, da muss man nicht übertreiben.

«Eine gesellschaftliche Stellung ist nichts, das bleibt» ist ein Zitat von Ihnen. Was ist Ihr Lebensziel?
Das Einzige, was mich antreibt, ist, dass ich verstehen will, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Ich finde es deprimierend, wenn Leute an ihrem eigenen Ego schaffen. Wir sind ja nur ein Funken im Weltall, nur kurz zu sehen, und dann kräht kein Hahn mehr nach uns.

Sie haben auch mal gesagt, das Meer präge die Freiheit. Ist Freiheit für Sie also ein zentraler Wert?
Freiheit ist natürlich entscheidend. Man kann sich diese Gedanken, die ich eben geäussert habe, nur leisten, wenn man persönlich frei ist. Das ist Luxus.

Inwiefern prägt das Meer die Freiheit?
Das Meer eignet sich bestens als Symbol für Freiheit: die Grösse, die Wucht und die Unbändigkeit, das macht es emotional erfahrbar. Man weiss nicht, was hinter dem Horizont ist. Und durch die unendliche Masse, in die man nicht hineinschauen kann, durch das Lebensfeindliche, entstehen Gefühle wie Sehnsucht, Neugierde, Angst.

Sie waren Taucher auf einer Austernfarm, Forschungstaucher für Greenpeace, haben mit dem U-Boot und Jacques Piccard den Genfersee ergründet. Was fasziniert Sie am Tauchen?
Das Spannendste ist für mich die dritte Dimension. Wenn Sie auf einem Absatz stehen, ins Wasser springen und dann das Jacket leicht aufblasen, um das Absinken zu stoppen, dann ist das wohl ähnlich wie fliegen. Die totale Ruhe ist auch wichtig. Früher im Gymi ging ich abends manchmal tauchen, dann war da die Ruhe und alles wargut. Es war fast eine Art zu meditieren.

Sie leben, wohnen und denken «Meer». Vermissen Sie manchmal die Schweiz?
Ja. Als ich wegging vor 27 Jahren, war Heimat für mich kein Thema. Aber je älter ich werde, desto wohler fühle ich mich, wenn ich in die Berge komme. Aber ich brauche das Maritime, länger als eine Woche ohne Salzwasser geht nicht.

Was möchten Sie den Binnenländern noch mitteilen?
Mir geht es oft so, dass ich mich nahe beim Meer fühle, wenn ich einen Fluss sehe. Und in der Schweiz entspringen drei grosse Flüsse, die in drei verschiedene Meere fliessen - die Schweiz ist also ein Binnenland mit einer starken Verbindung zum Meer. Denken Sie einmal daran, wenn Sie das nächste Mal am Rhein stehen ...

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Heike Ollertz
Veröffentlicht:
Dienstag 07.12.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief
Nikolaus Gelpke

Geboren: 1962 in Zürich
Wohnort: Hamburg

Privat: Vater von zwei Kindern

Beruf: Verleger und Chefredaktor der Zeitschrift «mare»

Werdegang: Dogsitter in Halifax, Taucher auf einer kanadischen Austernfarm, Forschungstaucher für die Uni Zürich und Greenpeace, Tauchfahrten mit Jacques Piccard im Tauchboot F. A. Forrel, 1984 an die Uni Kiel und Abschluss des Studiums als Dipl. Meeresbiologe. Gründer des «mare» Verlags.
Link: Zeitschrift «mare» online

 

 



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