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Rolf Dobelli: «Ich lese keine News»

Persönlich. Rolf Dobelli hat mit «Massimo Marini» einen Roman über italienische Gastarbeiter und den Gotthard-Tunnel geschrieben.

Coopzeitung: Waren Sie beim Gotthard-Durchstich dabei?

Rolf Dobelli: Nein, ich war in Zürich und habe den Durchstich online mitverfolgt. Und ich hatte dabei fast ein bisschen Tränen in den Augen.

Ist Ihnen der Tunnel so wichtig?
Ich habe mich so intensiv mit dem Gotthard befasst, dass ich ein Fan dieses Tunnels geworden bin. Auch von anderen Tunnels. Ich kann nicht mehr durch einen Tunnel fahren, ohne an den Gotthard zu denken.

In Ihrem Buch «Massimo Marini» ist die Tunnelbaustelle im Gotthard der Arbeitsort Ihrer Hauptfigur, aber auch ein Sinnbild für die Beziehung der Schweiz zu den Fremdarbeitern aus dem Süden.
Der Tunnel ist das Symbol dafür. Als ich mir die Figur Massimo Marini ausgedacht habe, war mir klar: Er ist ein Secondo, ein Bauarbeiter, der aber nicht bloss Einfamilienhäuser baut. Er musste an diesem Jahrhundertbauwerk schaffen. Der Fremdarbeiter durchbohrt den heiligen Schweizer Gotthard.

Eigentlich paradox.
Es war aber schon immer so. Ich habe mit Bauunternehmern gesprochen: Eine ganze Reihe von urschweizerischen Bauten wurden von Gastarbeitern gebaut. Der Bundesratsbunker zum Beispiel und viele andere geheime Bauten. Auch jetzt der Neat-Tunnel. Heute sind es nicht mehr Italiener, sondern vor allem Deutsche und Österreicher.

Saisonniers waren Arbeitskräfte auf Zeit, die kaum Rechte hatten.
Rückblickend ist der Status der Saisonniers unglaublich. Das Statut gab es bis ins Jahr 2002. Das ist fast so schockierend, wie dass die Frauen erst seit 1971 abstimmen dürfen.

Massimo in Ihrem Buch bleibt trotz bester Bildung, trotz viel Kultur, ein Aussenseiter. Ist das auch ein Selbstporträt von Rolf Dobelli?
Nein, anders als meine bisherigen Bücher, hat die Hauptfigur mit mir nicht viel zu tun. Mit der Geschichte von Massimo wollte ich zeigen, mit wie viel Ansporn er in die Zürcher High Society hineinkommen will. Dass er sich scheiden lässt und eine noble Zürcherin heiratet, das ist für ihn der Griff nach dem Olymp der Zürcher High Society. Nein: Ich bin gut verankert in der Schweiz.

Sie haben an der Hochschule St. Gallen Betriebswirtschaft studiert, ein Studiengang, von dem Sie heute sagen, dass es ihn nicht braucht.
Ja, da steh ich dazu. Studiert habe ich es, weil ich damalsgeglaubt habe, dass es ihn braucht. Ich habe zwischenPhysik und BWL geschwankt, dann sagt ein Kollege, dass er an die HSG gehe und ich ging mit. Abgeschlossen habe ich, weil ich das Prinzip «Was man anfängt, macht man fertig» verinnerlicht habe. Warum es ihn noch gibt? Weil die BWL-Typen gutes Selbstmarketing machen. Das fachtechnische BWL, das kann man sich in ein paar Wochen aus Büchern reinziehen. Das Handwerk, das lernt man nur bei einem guten Chef in der Praxis, wie ein Schreiner oder ein Bäcker.

Was würden Sie heute studieren?
Biologie. Das ist ganz klar das im Moment spannendste Fach.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Am 35. Geburtstag hatte ich ein dummes Gefühl. Ich habe versucht, es aufzuschreiben. Nach zwei Tagen habe ich gemerkt, dass ich das nicht in Ichform erzählen kann, sondern einem anderen in den Mund schieben muss. Den Text habe ich ein paar Kollegen gezeigt. Die sagten, ich soll ein Buch machen daraus. Das hab ich dann gemacht.

Bekannt geworden sind Sie aber mit «getAbstract», einer Firma, die Buchzusammenfassungen vertreibt. Beeinflusst das Ihr Schreiben?
Ich weiss es nicht. Ich habe vor «getAbstract» ja nicht geschrieben. Was ich aus «getAbstract» gelernt habe: Verständlichkeit, Einfachheit hat Vorrang. Ich mache es lieber mir schwer und dafür dem Leser leicht. Und: Ich habe mein Buch damit begonnen, dass ich ein Abstract des Buchs geschrieben habe.

Auf Ihrer Website steht: «Er konsumiert – mit Ausnahme der Zeitschriften Science und Nature – keine News. Dafür umso mehr Bücher.»
Das stimmt. Keine News. Ich weiss nicht, was läuft in der Welt. Wenn ich die Inhalte auswählen könnte, würde ich sehr gerne Zeitungen abonnieren. Zum Beispiel das Feuilleton der FAZ, die Wissenschaftsbeilage der NZZ. Aber reine News brauche ich nicht. Das ist wie Zucker fürs Hirn. Ich habe nichts gegen Zeitungen und nichts gegen gut recherchierte Storys. Aber ich habe etwas gegen den leeren Newslärm. Ich lebe seit einem Jahr ohne Newskonsum und es geht mir blendend, ich habe noch nie etwas Wichtiges verpasst. Ich lese «Science», «Nature» und viele Bücher. Das Relevante findet man in Büchern. Vielleicht mit etwas Zeitverzögerung, aber für die wirklich wichtigen Dinge reicht das.

In einem Gespräch mit Nassim Taleb haben Sie gesagt, Sie seien Romancier geworden, weil sie nichts zu sagen hätten.
Ja, mir bleibt nur der Roman, um etwas zu schreiben. Ich kann kein Sachbuch schreiben, weil ich nirgends ein Experte bin.

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 09.11.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief
Rolf Dobelli

Geboren: 15. Juli 1966 in Luzern
Werdegang: Studierte Betriebswirtschaftan der Universität St. Gallen und arbeitete anschliessend in führenden Positionen in der Wirtschaft, etwa als Finanzchef verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair. 1999 gründete er mit Freunden die Firma «getAbstract» für Buchzusammenfassungen. Mit 35 begann er, Romane zu schreiben.
Aktuell: «Massimo Marini», der Entwicklungsroman eines italienischen Secondos, vom Gastarbeiterkind zum Bauunternehmer. Erschienen bei Diogenes.

Link: Homepage von Rolf Dobelli

 



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