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Caroline Bono: «Es gibt noch eine Chance»

Persönlich. Caroline Bono (47) leidet an einem Schleudertrauma. Sie kämpft seit einem Unfall vor acht
Jahren für eine Entschädigung durch ihre Versicherung und für eine IV-Rente. In ihrem Buch «Allein gegen Goliath» hat sie die dabei gemachten Erfahrungen nun verarbeitet.

Caroline Bono wurde vor rund acht Jahren Opfer eines Auffahrunfalls am Bürkliplatz in Zürich. Seither leidet sie laut eigenen Angaben unter schweren gesundheitlichen Problemen. Ärzte bescheinigten ihr Verletzungen an der Halswirbelsäule und eine Rückenmarkquetschung. Trotzdem erhielt sie bislang von ihrer Versicherung keine Entschädigung und auch keine IV-Rente. Grund: Alle Gerichte kamen zum Schluss, dass die Probleme nicht auf den Unfall, sondern auf private und berufliche Überbelastungen zurückzuführen seien.

Coopzeitung: Weshalb haben Sie über Ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben?
Caroline Bono: Der Hauptgrund war, dass ich es als Anwältin nicht für möglich gehalten hatte, womit ich durch meinen Fall und die Beratung von anderen Unfallopfern im Rahmen meiner Stiftung konfrontiert wurde: In einem Rechtsstaat wie der Schweiz verschwinden Röntgenbilder, Krankengeschichten werden geändert und Autoschäden unterschlagen!

Das sind massive Anschuldigungen. Können Sie die in irgendeiner Form beweisen?
Es gibt mehrere Indizien, dass der inzwischen verschwundene Unfallwagen vor den Fotos der Versicherung teilrepariert oder ausgetauscht worden ist, um den Unfall harmloser erscheinen zu lassen. Später hat ein Polizist falsch protokolliert, der die gleiche Wohnadresse hat wie die Fahrerin, die mich gerammt hatte. Als besonders nachteilig erwies sich, dass sie ihre Haftpflichtversicherung und ich meine Unfallversicherung bei der gleichen Gesellschaft hatte. So war man sich wohl schnell einig, dass meine gesundheitlichen Probleme nur mit beruflichem und familiärem Stress zusammenhängen könnten. Alle Fachleute belegten zwar, dass der Unfall die Ursache meiner Verletzungen und Einschränkungen ist, doch haben Handelsrichter, die teilweise neben- oder hauptamtlich für die involvierten Versicherungen tätig sind, ihr Urteil mit seltsamen eigenen Thesen begründet.

Das tönt jetzt sehr nach Verschwörungstheorie. Sie sind doch Juristin und alle Instanzen bis zum Bundesgericht haben Ihrer Ansicht des Falles widersprochen. Warum geben Sie nicht auf?
Die schweren Verletzungen waren nicht Gegenstand dieser Prozesse. Ich und mein ganzes Umfeld müssen trotz unserer negativen Erfahrungen mit den Versicherungen und der Gerichtsbarkeit darauf hoffen, dass die Gerechtigkeit noch siegen wird.

Gibt es denn überhaupt noch eine Chance für Sie?
Ja, es gibt noch eine. Ein Radiologe hat durch den Vergleich aller Röntgenbilder seit dem Unfall nachgewiesen, dass in der Notfallaufnahme schwere innere Verletzungen übersehen worden sind. Ausserdem hätte mindestens ein Richter am Handelsgerichtsentscheid nicht mitwirken dürfen, weil er die Haftpflichtversicherung gleichzeitig als Anwalt vertreten hat. Zum Glück hatte ich eine Rechtsschutzversicherung, welche für die ersten Prozesse aufgekommen ist.

Wie geht Ihr Umfeld mit Ihrem Kampf um?
Für mich als alleinerziehende Mutter waren meine vier Kinder meine grösste Hilfe. Sie sind bis heute sehr fürsorglich, vor allem aber hätte ich mich ohne die Verantwortung für sie wohl aufgegeben. Die prekäre finanzielle Lage ohne Verdienst oder Ersatzleistungen linderten Verwandte und Freunde. Nun konnte ich einen Kredit aufnehmen.

Hat sich das Verhältnis zu Ihren Kindern verändert?
Wir sind näher zusammengerückt – nicht nur, weil wir sparen mussten, sondern auch, weil die Kinder mich mehr unterstützen mussten. Meine jüngste, heute 13-jährige Tochter sagte gerade ganz offen zu mir: «Meine Kindheit war vorbei, als du den Unfall hattest.»

... und zu Freunden und Bekannten?
Die ersten zwei Jahre, als ich nur ein paar Stunden täglich aufstehen konnte, habe ich viele Freunde verloren. Davon sind einige zurückgekehrt, neue sind dazugekommen. Die Besten haben mich all die Jahre durchgetragen.

Sie sprachen Ihre prekäre finanzielle Lage an. Ist das Buch auch ein Versuch, finanziell Kapital aus Ihrer Situation zu schlagen?
Wenn alle Bücher der 1. Auflage verkauft werden, deckt das nicht einmal einen halben Monatslohn meines durch den Unfall verlorenen Einkommens.

Wie gehen Sie persönlich mit Ihrer Situation um?
Natürlich hadert man zuerst mit seinem Schicksal. Das gehört zum Verarbeitungsprozess. Früher ging ich Ski fahren, klettern oder surfen und habe jedes Wochenende etwas mit den Kindern unternommen. Heute spaziere ich durch den Wald, lese ein gutes Buch. Mein Rezept lautet jetzt, mein heutiges Leben nicht mit demjenigen vor dem Unfall zu vergleichen. Ich führe Tagebuch und schreibe nur positive Erlebnisse auf. Wenn alles nicht passiert wäre, gäbe es dieses Buch nicht, ich hätte keine Stiftung für Unfallopfer gegründet und würde auch nicht die Demo «Zämestah» vom 30. Oktober gegen die 6. IV-Revision auf dem Bundesplatz in Bern unterstützen.

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 12.10.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief
Caroline Bono

Beruf: Rechtsanwältin
Geburtsdatum: 27. August 1963 in Richterswil
Zivilstand: geschieden, vier Kinder (13, 18, 20 und 23 Jahre)
Wohnort: Küsnacht ZH
Werdegang: Studium der Rechtswissenschaften, Abschluss als Dr. iur. 1999. Ausbildungen zur Familien- und Wirtschaftsmediatorin, Dozentin an verschiedenen Hochschulen. Ab 2000 Tätigkeit in einer renommierten Zürcher Wirtschaftskanzlei. Seit November 2002 nur noch sehr eingeschränkt und als juristische Beraterin arbeitsfähig. Mitgründerin der Stiftung «Schutz ohne Grenzen», die Hilfe für Unfallopfer anbietet.
Aktuell: Buch «Allein gegen Goliath – Wie mein rundumversichertes Leben zum Albtraum wurde» (Wörterseh, 250 Seiten).
Link: Schutz ohne Grenzen



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