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«Pionier ist, wer das Unbekannte akzeptiert»

Persönlich. Bertrand Piccard will rein mit Sonnenenergie um die Welt fliegen. Doch das Projekt «Solar Impulse» geht viel weiter.

Coopzeitung: Ist der Flug in der «Solar Impulse» nicht ein grosses Risiko?
Bertrand Piccard: Das grösste Risiko ist nicht der Flug im Solarflugzeug, sondern wenn wir weiterleben wie bisher. Wir verbrauchen stündlich eine Million Tonnen Erdöl, zerstören das Klima, brauchen die natürlichen Reserven auf, lassen die Hälfte der Menschheit in unvorstellbarer Armut leben. Das ist für mich das grösste Risiko.

Grenzerfahrung ist bei Ihnen Familientradition?
In gewisser Weise, ja. Von meiner Familie habe ich die Neugier und die Freude am Erforschen des Unbekannten geerbt, aber auch Respekt gegenüber den Mitmenschen, der Natur und der Lebensqualität. Dieses Erbe findet sich wieder im Projekt «Solar Impulse». Es ist ein technologisches Abenteuer und zugleich Symbol des Bewusstseinswandels. Es zeigt, was mit erneuerbaren Energien möglich ist und wie man mit neuen Technologien Energie sparen kann. Deshalb wird der eigentliche Erfolg von «Solar Impulse» darin bestehen, wenn Millionen Menschen das Projekt verfolgen und so dazu motiviert werden, drei, fünf oder sieben Prozent ihres täglichen Energiebedarfs einzusparen.

Welche politische Idee steht dahinter?
Die Politiker haben es nicht geschafft, strenge Richtlinien für das Energiesparen festzulegen und den Einsatz neuer Technologien vorzuschreiben. Gäbe es eindeutige Gesetze, etwa für eine bessere Gebäudeisolierung, für die Erneuerung umweltschädlicher Heizanlagen oder für die Umrüstung auf Sparlampen, könnten wir unseren Energieverbrauch deutlich senken. Gleichzeitig bekämen damit die Unternehmen Rückenwind, die solche Dinge herstellen.

Wie wollen Sie das schaffen?
Systematisch die Umweltkosten in den Verkaufspreis einbeziehen! Erinnern Sie sich: Früher brachte ein Teil der Leute ihren Kühlschrank in den Laden zurück, wenn er ausgedient hatte; die anderen entsorgten ihn irgendwo im Strassengraben. Heute ist das Recycling der Kühlschränke kostenlos, weil es schon beim Kauf mitbezahlt wird. Und nun sieht man keine wild entsorgten Geräte mehr. Sie können nicht erwarten, dass die Leute freiwillig bei einer Flugreise auf die Malediven ihre CO2-Produktion kompensieren, solange 90 Prozent der Passagiere dies nicht tun. Das muss im Ticketpreis inbegriffen sein. Es braucht eindeutige Anreize und Spielregeln. Sonst wird immer weiter nur geredet und nicht gehandelt. Ich glaube nicht, dass die Gesetze des Marktes ausreichen, um das Verhalten der Menschen unmittelbar zu verändern. Denn die Marktgesetze greifen erst, wenn es zu einer Krise gekommen ist. Auf politischer Ebene geht es aber darum, eine Krise vorherzusehen und nicht abzuwarten, bis sie eintritt.

Kann die Jugend den Wandel beschleunigen?
Viele Studierende interessieren sich für neue Technologien, für erneuerbare Energien, für eine nachhaltige Entwicklung. Jetzt darf es aber nicht dazu kommen, dass diese Absolventen als Alibi missbraucht werden, wenn sie in die Arbeitswelt kommen. Es gibt Unternehmen, die junge Leute einstellen und eine Nachhaltigkeitsabteilung einrichten. Wollen diese Angestellten dann ihrem Chef Ratschläge geben, sagt der: Moment, wir haben Sie nicht eingestellt, damit Sie das Unternehmen verändern. Sie sollen Berichte schreiben. Was damit gemacht wird, entscheiden aber wir.

Wie kann man junge Leute da noch motivieren?
Die Jungen sind genau wie die Erwachsenen sehr gerne für den Umweltschutz, solange es sie nichts kostet. Selbst meine Töchter, die nun wirklich in einem ökologischen Umfeld aufgewachsen sind, verlangen von mir eher, dass ich im Winter die Heizung höher stelle, als dass sie einen Pulli über das knappe T-Shirt ziehen, das den halben Bauch freilässt.

Und, drehen Sie dann die Heizung auf?
Nein, auf keinen Fall! Und wenn sie in ihrem Zimmer das Licht brennen lassen, schicke ich sie zurück, damit sie es ausschalten. Inzwischen funktioniert das. So nach und nach werden einige Verhaltensweisen akzeptiert. Dazu braucht es eben Regeln, auch Anreize, aber man muss vor allem klare Grenzen setzen.

Wird eine der Töchter in Ihre Fussstapfen treten?
Das weiss ich absolut nicht. Aber egal welchen Weg meine Töchter einschlagen werden: Ich hoffe, dass sie es stets mit Neugier tun und die Dinge hinterfragen, damit sie in ihrem Bereich etwas Neues schaffen können. Ein Pionier ist nicht nur, wer auf dem Mond spaziert, den Everest erklimmt, den Nordpol entdeckt oder im Flugzeug oder Ballon um die Erde fliegt. Pionier ist, wer in all seinen täglichen Aktivitäten bereit ist, sich auf das Unbekannte einzulassen und sich immer wieder in frage zu stellen. Nur so entwickeln wir uns weiter.

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Solar Impulse/Stéphane Gros
Veröffentlicht:
Dienstag 14.09.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Bertrand Piccard

Beruf: Psychiater, Luftfahrtpionier
Geburtsdatum: 1. März 1958
Zivilstand: verheiratet, drei Töchter
Wohnort: Lausanne
Abenteuer: Wissenschaft und Grenzerfahrung sind Familientradition.Grossvater Auguste stieg im Ballon zur Stratosphäre auf. Im U-Boot erforschte Vater Jacques die Tiefsee. Mit 16 macht Bertrand erste Flugerfahrungen, stellt etliche Rekorde auf und realisiert 1999 mit dem Briten Brian Jones die erste Non-Stop-Weltumrundung im Ballon.
Herausforderung: Den alten Menschheitstraum vom Fliegen will er aus der Abhängigkeit vom Erdöl befreien.

Links: Homepage von Bertrand Piccard


Mehr zum Thema:

Projekt «Solar Impulse»

 

Stiftung «Winds of Hope»

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