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Koch für die ganze Familie: Martin Suter brät in der Küche seines Hauses auf Ibiza Pouletbrust auf einem heissen Vulkanstein.


Martin Suters Roman der Koch handelt kulinarischer Verführung.

Martin Suter: «Ich koche wie eine Hausfrau»

Persönlich. Martin Suters neuer Roman handelt von einem tamilischen Koch, der Verführung durch ein gutes Essen – und von der Einsamkeit in der Fremde

Coopzeitung: Sie leben in Guatemala und Ibiza, jetzt sind Sie grad in der Schweiz – wo sind Sie zu Hause?

Martin Suter: Es ist schwierig zu sagen. Ich fühle mich eigentlich immer da zu Hause, wo ich gerade bin. Aber wenn ich Heimweh habe, dann schon nach der Schweiz.

Und was macht es für Sie aus, dass Sie sich an einem Ort zu Hause fühlen?
Da, wo ich alles genau kenne, wo ich weiss, wo das Brotmesser ist und wo ich Erinnerungen an einzelneOrte habe, da bin ich zu Hause. Dann gibt es aber ein seltsames Phänomen. Ich bin etwa drei Mal in Sri Lanka gewesen, das letzteMal vor vier Jahren. Da stellt sich dieses Gefühl immer ein, dass ich nach Hause komme. Ich habe keine Ahnung, warum.

Die Hauptfigur Ihres neuen Romans ist ein Tamile in der Schweiz – können Sie sein Gefühl von Fremdheit hier bei uns nachvollziehen?
Ich glaube, das hat man immer an einem fremden Ort. Ich bin in Guatemala auch ein Ausländer. Da, wo wir wohnen, ist die grosse Bevölkerungsmehrheit Mayas,und die bleiben auf Distanz. Deshalb haben sie wohl bisheute ihre Eigenart bewahrt.

Ihr Tamile ist Koch. Kochen Sie selbst?
Ich koche selber, ja. Aber nicht als Hobbykoch: Ich bin der Berufskoch der Familie. Ich koche wie eine Hausfrau, als Gebrauchskoch. Ich bereite die Mahlzeiten zu. Ich mache es aber auch gerne, die Rolle ist deshalb entstanden.

Haben Sie die Rezepte Ihres Kochs im Buch schon einmal gekocht?
Die wenigsten. Das ist von den Materialien her sehr aufwendig. Ich habe den Roman in Guatemala geschrieben, da findet man solche Küchengeräte ohnehin nicht. Aber ein paar Sphären oder künstlichen Kaviar habe ich schon gemacht.

Der Koch im Buch ist ein Tüftler, der zu Hause neue Rezepte ausprobiert und genau darüber Buch führt. Machen Sie auch so etwas oder verlassen Sie sich lieber auf Betty Bossi?
Die meisten indischen oder asiatischen Gerichte koche ich nach Kochbüchern. Dann gibt es aber tatsächlich Menüs, die ich selbst erfunden oder variiert habe. Ich habe aber keine Kladde in der Küche, ich schreibe es auf Zettel und die sind dann lose hinter dem Buchdeckel des Fülscher-Kochbuchs. Wenn sich ein selbst erfundenes Chutney bewährt, dann schreibe ich es auf ein Post-it und klebe es ins indische Kochbuch. Ich habe ein paar alte Kochbücher aus der Familie, da hat es Zettel meiner Vorfahren drin.

Warum spielt das Kochen in der Literatur eine immer grössere Rolle?
Vielleicht deshalb, weil das Handwerk am Aussterben ist. Die meisten von uns haben in ihren Berufen nichts mehr mit Handwerk zu tun, sie stellen nichts mehr her. Es ist also eine Reaktion auf die ständig virtueller werdende Welt. Ich habe das Glück, dass ich die eigenen Zwiebeln oder Kartoffeln habe. Ich ernte sie und zehn Minuten später haben sie schon ihren anderen Aggregatszustand. Das ist jedes Mal faszinierend, wie rasch eine Pflanze zu einem Produkt wird.

Im neuen Roman spielen Waffengeschäfte mit Schweizer Schützenpanzern eine zentrale Rolle. Was hat Sie politisiert?
Ich war schon immer ein politischer Mensch. Ich hatte in allen meinen Büchern eine politische Meinung, die auch mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck kommt. Beim «Koch» kam ich durch die Wahl der Hauptfigur und durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nicht um die Politik herum.

Sie haben sich prominent für die Initiative eingesetzt, die Waffenexporte verbieten wollte.
Entstanden ist es, weil ich mich in der Recherche zur Geschichte auch mit der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) beschäftigte. Im Laufe des Gesprächs wurde ich angefragt, ob ich meinen Namen zur Verfügung stellen würde. Das war für mich klar; ich hatte schon immer Sympathien für diese Gruppe, weil sie eine Utopie hat. Sie wagt Träume, das ist mir sympathisch.

Was wäre Ihr Traum für uns?
Endlich wieder mal etwas Vorbildliches machen. Als Schweizer wurde man im Ausland bewundert für die direkte Demokratie, den öffentlichen Verkehr oder das Rote Kreuz. Heute gibt es in der ausländischen Öffentlichkeit nur noch negative Erinnerungen. Alle ausländischen Journalisten sprechen mich auf die Minarettinitiative an. Es wäre schön, wenn die Schweiz aus dieser negativen Ecke herauskäme und etwas Vorbildliches täte.

Welche Möglichkeiten gäbe es?
Schwierig. Eine Möglichkeit wäre die Regulierung von Banken: Wir sollten die Finanzinstitute so einschränken, dass sie den Staat bei einem Konkurs nicht mitreis-sen können. Da könnte die Schweiz Pionierarbeit leisten. Es wäre nicht mein Traum, aber es wäre eine Möglichkeit für die Schweiz.

Was wäre denn Ihr Traum für die Schweiz?
(überlegt lange). Ich bin nicht einer, der mit einem Traum für die Schweiz herumläuft. Das ist eine zu grosse Frage.

Und ein Traum für Sie selbst?
Dass es denen, die ich liebe, gut geht.

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Bastian Schweitzer
Veröffentlicht:
Freitag 05.02.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Martin Suter

Beruf: Schriftsteller
Geburtsdatum:
5. Feb. 1948
Zivilstand:
verheiratet
Werdegang:
Martin Suter war lange Werbetexter und schrieb daneben Reportagen und Drehbücher für Film und Fernsehen. Seit 1991 freier Autor. Seine Kolumne «Business Class» machte ihn bekannt. Er hat bisher sieben Romane veröffentlicht.
Aktuell:
Im Zentrum von Suters neuem Buch «Der Koch» steht Maravan, ein tamilischer Asylbewerber in der Schweiz. Per Zufall entdeckt er die aphrodisierende Wirkung seiner Gerichte und gründet mit einer Schweizerin einen «Love Food»-Hausdienst. Dann holt ihn die politische Wirklichkeit in Sri Lanka und der Schweiz ein.



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