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Dario Cologna: «Man muss sich quälen können»

Persönlich. Als erster Schweizer gewann Dario Cologna im letzten Jahr den Langlauf-Weltcup. Nun hat er an den Olympischen Spielen in Vancouver die Sensation geschafft und Gold geholt. Die Coopzeitung hat sich vor seiner Abfahrt nach Vancouver mit dem Bündner unterhalten.

Coopzeitung: In aller Ruhe auf Ski durch verschneite Landschaften gleiten – dass Langlauf etwas Faszinierendes ist, kann ich ganz gut nachvollziehen …
Dario Cologna:
… das ist gut, dann reden wir vom Gleichen.

Nein, denn ich verstehe nicht, was daran faszinierend sein soll, 20 Kilometer einen Berg hochzujagen und oben fast zu ersticken, wie Sie es an der Tour de Ski taten.
Gut, die ersten 15 Kilometer stieg die Strecke nur leicht an, erst die letzten vier Kilometer auf der Skipiste waren wirklich steil. Das ist immer noch so lang wie die Lauberhornabfahrt. Ja, ja. Aber so steil wie am Hundschopf ist es nicht.

Und das macht Spass?
Das ist halt der Wettkampf: Man will so schnell wie möglich oben sein, im Idealfall schneller als alle andern. Und Spass macht es eigentlich schon. In anderen Rennen, auch wenn sie flacher sind, leidet man ebenso; aber für die Zuschauer ist das dann natürlich weniger beeindruckend. Wir gehen in den flachen wie in den steilen Rennen an die Grenze. Im Ziel ist man immer «durch». So ist unser Sport.

Da gehört etwas Quälen dazu?
Man muss sich etwas quälen können, sonst bringt man es zu nichts. Aber wenn man dann im Ziel ist und etwas erreicht hat, ist das schon ein gutes Gefühl.

Bis vor der letzten Saison hörte man kaum was von Ihnen, und dann gewannen Sie wie aus dem Nichts den Weltcup.
Gut, so wars natürlich nicht. Aber Langlauf wurde bis vor Kurzem in der Schweiz generell kaum zur Kenntnis genommen.

Aber schnell gings schon.
Es ging kontinuierlich aufwärts. Ich war bei den U23 dreimal Weltmeister, lief dann im Weltcup ein paar Mal unter die ersten Zehn und machte letzte Saison noch einmal einen grossen Schritt. Tatsächlich war ich selber überrascht, dass ich so schnell so weit vorne war.

Gab es einen äusseren Anlass für diesen Schritt?
Genau vor der letzten Saison kam Fredrik Aukland als Trainer. Das brachte sicher nochmals Impulse. Aber ich hatte schon zuvor hervorragende Trainer.

Sie sind 23, Ihr Trainer 30. Ein extrem junges Team. Ich hatte immer den Eindruck, man müsste ein 35-jähriger bärtiger Bär aus dem Hohen Norden sein, um den Weltcup zu gewinnen.
Wahrscheinlich rasieren wir uns häufiger als die früher … Nein, Spass beiseite. Ihr Eindruck stimmt schon. Jetzt halten auch Junge vorne mit. Der Grund sind die veränderten Wettkämpfe. Heute gibt es Sprint- und Massenstartrennen, wo die Endschnelligkeit gefragt ist. Da haben die Jüngeren Vorteile. Bei den Einzelrennen dagegen, wo jeder allein läuft, sind die Älteren, die schon viele Jahre Training intus haben, immer noch vorne dabei. Die Alterspalette, auch an der Spitze, ist breiter geworden: 20 bis 40.

Bei den Einzelrennen sollten Sie also noch Steigerungsmöglichkeiten haben.
Ich hoffe, das habe ich überall. Aber es stimmt: Hier kann ich sicher noch einen Schritt machen. Momentan liegt meine Stärke bei den Rennen mit Massenstart.

Im Sprint sind Sie auch nicht absolute Spitze.
Nicht immer. Es gibt halt Läufer, die sich auf die Sprints spezialisiert haben. Dafür haben sie auf den langen Distanzen keine Chance.

Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie kein Weltklasse-Langläufer wären?
Ich machte vor vier Jahren die Matura und wäre wahrscheinlich jetzt am Studieren.

Was würden Sie studieren?
Wirtschaft könnte ein Thema sein – und könnte es auch später noch werden. Das kommt darauf an, wie lange ich im Spitzensport dabei bleibe.

Lohnt sich denn der Riesenaufwand, der Verzicht auf viel Bequemlichkeit als Spitzensportler?
Klar, der Aufwand ist gross, doch das ist in jedem Beruf so, wenn man Ausserordentliches leisten will. Aber all die Emotionen, die gibt es kaum in einem normalen Beruf. Und solange es gut läuft, stelle ich mir nicht viele Fragen. Das Leben als Langläufer ist einfach schön.

Langlauf an sich ist ja eine sinnlose Tätigkeit: Davon wird die Welt nicht besser.
Gut, wenn man so denkt, könnte man ja nur noch Arzt werden. – Oder wird die Welt besser, weil Sie ein Interview mit Cologna schreiben?

Vielleicht liest es jemand und unterhält sich dabei.
Wir unterhalten die Leute ja auch. Und viele Leute können sich mit einem Sportler identifizieren, vor allem, wenn er Erfolg hat. Und dann heisst es «Wir Schweizer», und die Leute freuen sich.

Wie wichtig sind die Olympischen Spiele für den weiteren Verlauf Ihrer Karriere?
Ganz klar, nach den letzten Resultaten gehe ich nach Kanada, um eine Medaille zu gewinnen. Aber das wollen zwanzig andere auch; die Dichte ist gross. Die grössten Chancen hab ich sicher im Dreissiger.

Und wenn es nicht klappt?
Das wäre keine Katastrophe. Ich habe ja noch Zeit. Es kommen noch andere Rennen und hoffentlich auch andere Olympische Spiele.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Yannick Andrea, Keystone
Veröffentlicht:
Dienstag 09.02.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Dario Cologna

Beruf: Langläufer 
Ausbildung: 2006 Matur 
Geburtsdatum: 11. März 1986 
Zivilstand: ledig 
Wohnort: Davos, aufgewachsen in Santa Maria GR im Val Müstair 
Wichtigste Erfolge: 2007: Sieger Engadin Skimarathon. 2008: 3-facher U23-Weltmeister. 2009: Sieger der Tour de Ski und Gewinner des Gesamtweltcups.
Link: Homepage von Dario Cologna



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