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Milena Moser: «Schreiben macht mich glücklich»

Persönlich. Milena Moser schreibt, wie sie Schokolade isst: mit grossem Genuss. Das Schreiben ist Thema ihres neuen Romans «Möchtegern».

Coopzeitung: «Sie wollten alle dasselbe. Sie wollten ein Buch schreiben.» So lautet der erste Satz Ihres neuen Romans.

Milena Moser: Sagen Sie nicht, es sei nicht so! Das ist die Essenz des Buchs. Und auch im wirklichen Leben ist es so: Alle wollen schreiben.

In Ihrem Roman sind alle, die schreiben, ein bisschen durchgedreht.
Das trifft nicht nur auf Schreibende zu. Ich werde immer wieder gefragt, warum in meinen Büchern keine normalen Leute vorkommen. Ich weiss es nicht. Ich empfinde die Leute nicht als so unnormal. Die Schreibenden sind vielleicht besonders verdreht. Das Bedürfnis zu schreiben wächst wohl aus der Empfindung heraus, dass etwas fehlt.

Wie ist das bei Ihnen? Warum schreiben Sie?
Das kann ich schon gar nicht mehr beantworten. Ich habe nie etwas anderes machen wollen, schon als Kind. Aber no big deal: Ich bin in einer Schriftstellerfamilie aufgewachsen. Mein Schreiben ist vielleicht eine Fortsetzung des Lesens: Ich bin auch eine süchtige Leserin. Ich war als Kind oft krank und im Spital. Bücher waren für mich so etwas wie Fenster zur Welt.

Wie schreiben Sie?
Sehr intuitiv, vielleicht ein bisschen manisch. An einer Uni wollten Wissenschaftler eine Studie machen, wie Autoren schreiben und dazu den Computer auswerten. Ich wollte mitmachen. Das hat aber nicht geklappt. Ich schreibe so schnell und mit so vielen Fehlern, dass der Computer mein Geschreibsel nicht als Deutsch empfunden hat.

Haben Sie einen Plan beim Schreiben?
Ich habe zu Beginn keine Ahnung, wo es hingeht. Beim neuen Roman wollte ich zuerst ein Buch über eine Frau schreiben, die am liebsten alleine ist. Es begann also eigentlich damit, dass ich mir auf Papier einen Wunsch erfüllte. So ist es oft: Wenn ich schreibe, probiere ich eine andere Möglichkeit aus. Ich lebe ein anderes Leben. Die Geschichte hat sich dann allerdings völlig anders ent-wickelt, weil andere Figuren dazukamen.

Verrennen Sie sich ab und zu?
Und wie. Gerade beim neuen Buch hatte ich zwischendurch Panik, dass ich den Faden verliere. Ich habe aber Vertrauen, dass die Geschichte ihre eigene, innere Logik hat. Das hat sich bewahrheitet. Am Schluss wusste ich gar nicht mehr, warum ich so Angst hatte. Rückblickend sieht die Geschichte logisch aus. Aber planen kann ich so etwas nicht.

Inwiefern ist Schreiben ein Handwerk?
Schreiben ist eine Mischung aus Handwerk und Intuition. Die Arbeit am Text, das Verbessern, Feilen und Polieren, das ist Handwerk. Aus dem Schreiben wird im deutsch-sprachigen Raum ein Mythos gemacht. Dagegen kämpfe ich an. Die Angst, etwas Schlechtes zu schreiben, ist oft so gross. Dabei ist es viel einfacher, beim Schreiben etwas Misslungenes zu korrigieren, als zum Beispiel beim Malen.

Mimosa Mein, Ihr Alter-Ego im Buch, sagt: «Ich schrieb jeden Tag, wie ich jeden Tag Schokolade ass.»
Das ist eins zu eins Frau Moser. Schreiben ist für mich nicht etwas, das Disziplin braucht. Ich frage mich ja nicht: Habe ich heute schon meine Schokolade gegessen? Es ist so, dass mich Schokolade glücklich macht, deshalb esse ich sie. Beim Schreiben ist es genauso. Natürlich bin ich nicht immer glücklich beim Schreiben. Ich hadere, ich kämpfe. Trotzdem: Schreiben macht mich glücklich.

In einem Interview über Yoga haben Sie mal gesagt: «Wenn man täglich übt, weiss man, dass man nichts erreichen kann. Man hört auf, sich mit dem Resultat zu identifizieren.»
Dasselbe gilt fürs Schreiben: Die Erfüllung liegt im Moment, nicht im Erfolg. (Holt einen Stoff-Affen von Regal): Wenn man schreibt, hat man einen kleinen Affen im Genick. Der sagt: «Das interessiert doch niemanden. Du schreibst schlecht.» Manchmal auch: «Du bist genial.» Das spielt aber keine Rolle. Der Akt des Schreibens ist für mich zu einem grossen Stück Selbstzweck. Das ist auch das, was ich in meinem Kurs sage: Vergiss die Affen im Kopf.

Hat Schreiben gar nichts mit Disziplin zu tun?
Ich habe keinen Stunden-plan, aber ich habe mir angewöhnt, während ich schreibe, nichts anderes zu tun. Je unverrückbarer dieser Rahmen ist, desto freier sind die Stunden des Schreibens. Die Disziplin bezieht sich darauf, das andere draussen zu behalten.

Gehört Lesen zum Schreiben?
Ja. Für mich hat es immer dazugehört. Schreiben ist nur die andere Seite des Lesens. Oder seine Fortsetzung.

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Katharina Lütscher
Veröffentlicht:
Dienstag 02.03.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Milena Moser

Beruf: Schriftstellerin 
Geburtsdatum: 13. Juni 1963 
Zivilstand: verheiratet mit dem Fotografen Thomas Kern, zwei Söhne 
Aktuell: Milena Mosers neues Buch «Möchtegern» erzählt die Geschichte einer Schreib-Castingshow: Das Schweizer Fernsehen sucht den Schreibstar. Heldin des Buchs ist die Schriftstellerin Mimosa Mein, die in der Jury sitzt. Das Buch ist durchsetzt von Schreibübungen aus der Schreibschule von Milena Moser.
Link: Homepage Milena Moser



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