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«Hunkeler wird mit mir alt»

Persönlich. Hansjörg Schneider schickt in seinem achten Basler Krimi Kommissär Hunkeler zur Aufklärung eines Mordes ins Theatermilieu.

Coopzeitung: Sie sind im Aargau aufgewachsen, wohnen aber seit Jahrzehnten in Basel. Über Hunkeler schreiben Sie: «Er mischte sich nicht ein ins Leben der Stadt. Er war ein Zugezogener.» Sind Sie das auch immer noch?

Hansjörg Schneider: Ja, das bin ich noch. Ich bin mit 20 nach Basel gezogen für das Studium bei Walter Muschg. Seither lebe ich mehr oder weniger in Basel. Ich habe ja zwei Kinder, hatte Familie, aber ich bin nach wie vor ein Zugezogener in Basel. Ich will aber auch einer sein.

Warum?
Weil ich einer bin. Basler verstehen sich als etwas Besonderes. Ich bin ein anderer. Zürich nimmt die Zugezogenen viel lockerer auf als Basel. Ich bin ein Aargauer. Ich habe kein Problem damit. Ich rede Zofigerdüütsch. Es hat ja zwei Seiten. Einerseits ist Basel ein abgeschotteter, urbaner Stadtkanton. Die geben Sorg zu sich und geben Sorg zu ihrem Dialekt. Auf der anderen Seite ist es wohl die toleranteste Stadt in der Deutschschweiz.

Sie schreiben über Kommissär Hunkeler: «Er wusste nicht, wo er sonst hätte leben wollen in der Schweiz. Sicher nicht in einer Stadt, die von lauter Schweiz umgeben war.»
Das gefällt mir wahnsinnig gut an Basel. Dass es eine Grenzstadt ist. Da, wo ich wohne, an der Mittleren Strasse, bin ich in einer Viertelstunde am Elsässerzoll. Man sieht in den Schwarzwald. Das ist schön an Basel, dass es am Rand ist. Zürich sagt ja immer, sie hätten Probleme mit den Deutschen. Das hört man in Basel nie. Die wissen, wie man mit den Nachbarn zusammenlebt. Basel ist der Ort, wo ich mich wohlfühle.

Wir sind hier in Todtnauberg im Schwarzwald. Schreiben Sie hier?
Ich mache da eigentlich dasselbe wie in Basel: Ich schreibe meistens an etwas. Am Morgen gehe ich immer spazieren. In Basel in den Allschwilerwald oder ich schwimme im Rhein. Hier in Todtnauberg ist es im Sommer wunderbar. Da gehe ich zwei, drei Stunden. Im Winter mit den Langlaufskiern. Und am Nachmittag schreibe ich dann in den Abend hinein.

Kommissär Hunkeler wird pensioniert. Und Sie?
Ich habe eine Witwerrente. Hunkeler ist halt Beamter, ich nicht. Ich altere aber auch. Sehr. Das merke ich schon. Der Winnetou bei Karl May, der bleibt immer gleich alt. Der Hunkeler wird auch ein alter Mann. Da kenne ich mich aus. Weil ich halt auch ein alter Mann geworden bin. Das ist spannend. Vielleicht nicht zu erleben, aber zum Beschreiben. Das Schöne an den Hunkeler-Romanen ist, dass die Figur mich begleitet. Ich kann immer wieder für mich selber eine Situationsbestimmung machen. Wenn ich einen Kommissär hätte, der 40 wäre, und nie älter würde, wie der Marlow von Chandler, dann wüsste ich nicht mehr, wie es in dem aussieht. Beim Hunkeler weiss ich es eben, weil er mit mir älter wird. Und dann ist es auch eine ganz schöne Art, über Basel und die Umgebung zu schreiben. Im neuen Roman ist es der Rheinhafen und die Hafenlandschaft. Das habe ich sehr gerne gemacht.

Hunkeler will «Erkenntnis durch Unterhaltung».
Das war für mich immer so. Und nichts ist unterhaltsamer als Erkenntnis. Heute ist das schwierig im Literaturbetrieb. Wenn etwas unterhaltend ist, dann ist es schon verdächtig. Wenn es langweilig ist, dann ist es hohe Kunst. Da bin ich anderer Meinung.

Hunkeler sagt: «Theater war ein Spiel, das den Anspruch erhob, die einzig denkbare Wirklichkeit zu sein.»
Das ist im Moment des Theaters so. In dem Moment, indem der Vorhang aufgeht, hockt da ein Publikum, kompakt, es wird zum Teil der Aufführung. Und wenn das Spiel gelingt, dann vergisst man alles andere. Es ist der Moment des Lebens. Ich habe in den 70er-, 80er-Jahren ein paar fantastische Aufführungen meiner Stücke gehabt. Das ist etwas Grossartiges, das vergisst man nicht mehr, wenn die Welt, die man für sich alleine in ein Heft geschrieben hat, plötzlich zum Leben erwacht.

Sie schreiben: «Es geht eben nicht mehr um Autoren, es geht um Dramaturgen.»
Der Satz stimmt nicht nur fürs Theater, sondern für alle Bereiche. Es schieben sich sogenannte Spezialisten in den Vordergrund, die den anderen sagen, wie sie es machen müssen. Erkennbar ist das in der Schule. Da werden Lehrer zunehmend entmachtet durch Spezialisten, die selber gar nicht Schule geben, die aber denen, die Schule geben, erklären, wie sie Schule geben müssen. Das ist im Theater auch so. Da hat der Dramaturg den Dramatiker längst verdrängt.

Sie rechnen mit dem Theater ab.
Ich wollte schon lange ein Buch schreiben über meine Begegnung mit dem Theater. Man kann aber nicht als alternder Dramatiker das heutige Theater angreifen. Jedes Argument wird sofort totgeschlagen mit dem Hinweis, dass das jetzt eben ein verhärmter Dramatiker sei. Im Krimi habe ich eine Form gefunden, um meine Meinung zu den letzten vierzig Jahren am Theater kundzutun. Ich kann mich hinter meinen Figuren verstecken. Ich kann die Dramaturgen angreifen über die Figuren, ohne mich selbst blosszustellen. Verstehen Sie mich recht: Ich bin kein Dramaturgenhasser. Drei meiner besten Freunde sind Dramaturgen. Aber mir gehen die Dummköpfe auf die Nerven.

Der Krimi enthält aber nicht nur Ihre Abrechnung mit dem Theater, er enthält auch viel Literatur.
Darauf bin ich stolz. Krimis gelten immer noch als zweitrangige Literatur. Ich habe jetzt einen Krimi geschrieben, in dem Sophokles-Zitate, übersetzt von Hölderlin, wichtig sind. Und diese Texte gehören zu den wahnsinnigsten, schönsten Texten der Literatur überhaupt.

Sie zitieren auch Gedichte von Hölderlin und Brecht.
Ich wollte diese Texte in den Krimi einfügen, ohne dass es auseinanderfällt. Wer liest heute schon noch Gedichte. Wenn man die verachtete Gattung des Krimis dazu benutzen kann, ganz grosse Literatur unter die Leute zu bringen, dann ist das doch fantastisch.

Hunkeler sagt: «Wenn jemand daherkommt, und behauptet, im Besitze der Wahrheit zu sein, so gibt es nur eines. Sofort wegrennen.»
Stimmt, oder? Da gibt es eigentlich nichts mehr dazu zu sagen.

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Georgios Kefalas
Veröffentlicht:
Dienstag 24.08.2010, 08:00 Uhr

Steckbrief
Hansjörg Schneider

Geboren: 27. März 1938 Werdegang: Aufgewachsen in Zofingen AG, studierte in Basel Germanistik, Geschichte und Psychologie. Tätigkeit als Lehrer, Journalist, Regieassistent und Chargendarsteller am Basler Theater. Schneider avancierte zu einem der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker und schrieb zahlreiche Romane und Erzählungen.
Stücke: Unter anderem «Sennentuntschi», «Der liebe Augustin», «Der Brand von Uster».
Kommissär Hunkeler: Der eigensinnige Kommissär ist seit 1993 in Basel unterwegs. Bisher sind sieben Romane erschienen; fünf Romane hat das Schweizer Fernsehen mit Matthias Gnädinger in der Hauptrolle verfilmt.
Aktuell: «Hunkeler und die Augen des Ödipus», Diogenes, 240 Seiten, Fr. 35.90.

Link: Homepage Diogenes Verlag

 



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