«Ein Schnitt bis auf den Knochen»

Persönlich. Die frühere Konzert-Pianistin Karina Wisniewska (43) ist heute eine international erfolgreiche Malerin – einem Unfall sei Dank.

Coopzeitung: Betrachten Sie es als Glücksfall, dass Sie sich vor zehn Jahren mit der Schere in den Finger geschnitten haben?

Karina Wisniewska: Mit dem Unfall endete meine Karriere als Konzert-Pianistin. Jetzt erst, wo meine Malerei auch in den Medien immer mehr Beachtung findet, wird er publik. Ich habe mich deshalb in letzter Zeit intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Ich bin in der Tat dankbar, dass mich dieser grosse Einschnitt in meinem Leben beruflich und privat auf den richtigen, meinen eigenen Weg gebracht hat.

Weshalb entspricht Ihnen die Malerei besser?
In der klassischen Musik wirst du immer an den grossen Meistern unter den Komponisten und deren Interpreten gemessen. Du kannst viel weniger von deiner eigenen Persönlichkeit einbringen als in der Malerei. Als Pianistin war ich dauernd unterwegs. Jetzt schätze ich die Möglichkeit, meinen Lebensrhythmus selbst zu bestimmen.

Und wie sieht der aus?
Ich arbeite in meinen eigenen vier Wänden und gehe dann ins Atelier, wenn ich mich inspiriert fühle. Mit meinem Mann, den ich erst kennengelernt habe, als ich zu neuen Ufern aufbrach, habe ich in der Region Baden eine neue Heimat gefunden. Im Gegensatz zu früher, als ich in den Ferien nur zu Hause meine Ruhe haben wollte, habe ich nun wieder Lust, etwas zu unternehmen – mit dem Zug in unsere Ferienwohnung im Engadin zu fahren oder mal in die Ferne zu schweifen.

Wie ist der Unfall passiert, und wie haben Sie reagiert?
Beim Entfernen eines Etiketts an einem Kleidungsstück gab ich etwas mehr Druck, weil die Schere stumpf war, und schnitt mir an meinem linken Mittelfinger bis auf den Knochen. Mir war sofort klar, dass ich so schnell kein Klavier mehr spielen würde. Mein Umfeld ging davon aus, dass nach einer Pause wieder alles seinen gewohnten Gang nehmen würde. Mein Autopilot jedoch sagte: Du darfst alles, nur nicht in deinem Leid baden. Steh auf, mach etwas!

Und dann griffen Sie zum Pinsel?
Es gibt zwar schon einige Stücke für Einhänder, die für Kriegsversehrte geschrieben wurden, sogar von Ravel, aber das reizte mich nicht. Lieber wollte ich die einjährige Rekonvaleszenz nutzen, um mich intensiver meinem Hobby, der Malerei, zu widmen. Damit hatte ich mir schon auf Tourneen die Wartezeiten vertrieben.

Wie sahen Ihre ersten Bilder aus, düster oder heiter?
Es waren farbgewaltige Bilder, als ob sich ein Ventil inmir drin geöffnet hätte. AmAnfang gab es auch die klassische «Landschaft mit Mond», aber sehr bald empfand ich es als begrenzend, gegenständlich zu malen. Ich möchte mit meiner abstrakten Malerei, wie früher mit der Musik, etwas ausdrücken, das nicht wirklich fassbar ist.

Spiegeln die einfarbigen Flächen und klaren Linien auch die Disziplin, die Sie als Pianistin benötigten?
Ich denke, dass ich nach der Verletzung auch ein neues festes Gerüst brauchte, das mir Halt gab. Dies führte zu einer extremen Reduktion auf einzelne Farben, feinzellige organische Strukturen und Linien, deren Wellenform jedoch verrät, dass etwas in Bewegung ist. Interessanterweise strahlen die jüngsten Bilder, die nach der Fertigstellung des Buchs «Bewegte Stille – Silent Dynamism» entstanden sind, jedoch eine ungewohnteOpulenz aus. Ich erzeuge die Tiefenwirkung, indem ich mehrere Farbschichten auftrage, und verwende aufgesprühtes Blattgold – vielleicht Ausdruck einer neuen Lebensfreude.

Hätten Sie als Pianistin Ihr altes Niveau wieder erreichen können?
Da der Finger gut verheilt ist, denke ich, dass ich die alte Virtuosität und Sensibilität im Anschlag mit hartem Training hätte wieder erlangen können. Doch ich merkte schon recht bald, dass ich mein altes Leben gar nicht mehr zurückhaben wollte. Erst seit Kurzem spiele ich wieder jeden Tag.

Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe einen sehr alten Flügel, der frisch renoviert und neu gestimmt wurde. Momentan ist er noch recht widerspenstig. Er muss sich und seinen Klang erst finden. Wenn ich ihn mal ein halbes Jahr eingespielt habe, wird er langsam etwas Charakter bekommen. Vorher bekomme ich jedoch Muskelkater, wenn ich mich im Übermut an anspruchsvolle Werke heranwage, die ich früher problemlos beherrscht habe.

Ist für Sie eine zweite Musik-Karriere denkbar?
Ich habe jetzt schon Momente, wo ich merke, dass noch eine Resttraurigkeit da ist, die ich wegspielen muss. Falls ich nochmals musikalische Ambitionen entwickle, dann auf jeden Fall in Richtung jazzige Improvisation und Komposition. Ich habe ja schon immer mit dem steifen Konzertbetrieb in der Klassik gehadert. Was war das für ein toller Kontrast, als ich kürzlich die «Toten Hosen» live erlebte!

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 27.07.2010, 08:00 Uhr

Steckbrief
Karina Wisniewska

Beruf: Malerin
Geburtsdatum: 9. Dezember 1966 in Venedig als Tochter eines Schweizer Diplomaten und einer polnischen Mutter
Zivilstand: verheiratet
Wohnort: Ennetbaden AG
Werdegang: Klavierunterricht seit dem 5. Lebensjahr, 1992–2000 internationale Auftritte als Konzert-pianistin unter dem Familiennamen ihrer Mutter – als Hommage an ihre bevorzugten slawischen Komponisten. 1997 Europäischer Kulturpreis. 2000 Handverletzung, 2001 erste Auftritte als Malerin in Gstaad und Luzern, seit 2006 weltweite Ausstellungen und Ankäufe von Bildern durch namhafte Stiftungen und Sammler.
Aktuell: Ausstellungen: Galerie des 20. Jahrhunderts, Basel (bis 28. August); «The Blinker», Cham (15. September bis 21. November. Monografie: «Bewegte Stille – Silent Dynamism» (Benteli Verlag).

Link: Homepage von Karina Wisniewska

 



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