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Nina Caprez:«500 Meter Wand unter mir ist geil»

Persönlich. Nina Caprez gehört zu den weltbesten Kletterinnen und war Schweizermeisterin in der Halle. Ihre Titel hat sie nie verteidigt. Lieber sucht sie die Herausforderung am Berg.

Coopzeitung: Sie klettern an vertikalen und überhängenden Wänden empor. Ist dies nicht gefährlich?

Nina Caprez: Nein, Klettern ist nicht gefährlich. Man ist ja immer am Seil und hat einen Partner, der einen sichert. Aber für die Unfallversicherung gilt Klettern als Risikosportart. Das stimmt. Ich bin etwas höher eingestuft als andere.

Also ist es doch ein bisschen gefährlich?
Nicht, wenn man es richtig macht und sich sorgfältig sichert. Dann ist Klettern ungefährlich. Aber natürlich kann es immer zu kleinen Verletzungen kommen.

Zum Beispiel?
Wenn der Partner einen zu hart sichert, kann man schon mal gegen die Felswand knallen. Aber die häufigsten Verletzungen passieren an den Fingern. Die Sehnen sind immer höchsten Belastungen ausgesetzt.

Das ist Ihnen schon passiert?
Klar. Aber das geht vorbei. Im Moment sollte ich meine Schulter etwas schonen. Eine Sehne ist entzündet.

Wie erklären Sie jemandem, der von Klettern nichts versteht, was so faszinierend daran ist, an Felsen herumzukraxeln?
Man kann einfach mit Bouldern anfangen. Dafür genügt eine Matte am Boden, weil man nur auf Absprunghöhe klettert, also nicht höher als vier oder fünf Meter. Dann kann man sich immer mehr steigern bis zum alpinen Klettern, bei dem man lange Wände emporsteigt.

Ein Gewichtheber beginnt auch mit kleinen Gewichten.
Beim Klettern kommt es nicht nur auf den Bizeps an. Es braucht das Gefühl für den eigenen Körper, für den Felsen, für das Wetter, das Material. Da kommt ganz viel zusammen, bis man gut ist. Und man muss immer exakt arbeiten, darf sich keine Fehler erlauben. Das ist genial. Ich liebe die hohen Wände, wenn ich hinunterblicke und die Wand unter mir 400 oder 500 Meter abfällt.

Poah! In den Filmen sagen sie dann immer: «Nicht hinunterschauen!»
Stimmt. Aber ich finds geil.

Auf welchem Niveau klettern Sie denn?
Ich bin bei Schwierigkeitsgrad 8b+.

Aha! Und wie kann man das für Laien formulieren?
Das ist schon ziemlich gut.

Wer verteilt diese Schwierigkeitsgrade?
Die Kletterer, die die Route oder die Wand erschlossen haben. Es ist keine exakte Wissenschaft und manchmal fragt man sich, wie eine Route zu ihrem Schwierigkeitsgrad kam. Aber meistens stimmt es. Die besten Frauen klettern derzeit 8c oder 8c+, also eine Klasse höher.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten die beste Kletterin der Welt werden. Wann werden Sie es sein?
Das ist schwierig zu sagen. Es zählen hier nicht Sekunden oder Zentimeter. Und die Schwierigkeitsgrade sind immer subjektiv. Ich würde aber sagen, ich gehöre schon zur Weltspitze dazu.

Und warum klettern Sie dann nicht am Schwierigkeitsgrad 8c?
Eine solche Route braucht Zeit. Man muss sie vielleicht 50 Mal angehen, bis man sie bezwingt. Ich habe nach spätestens sieben Mal genug. Dann muss etwas Neues her. Vielleicht fehlt es mir an Geduld, vielleicht bin ich einfach zu faul.

Kennen Sie am Fels Gefühle wie Angst?
Nein.

Gar nie?
Nein. Oder doch, einmal war mir mulmig zumute. Auf meiner ersten alpinen Klettertour in Patagonien haben wir eine neue Tour erschlossen. Wir sind geklettert, ohne dass dort vormontierte Sicherungen waren und haben mobile Haken eingesetzt. Ich wusste, dass jeder Einzelne der Gruppe am Haken hängt, den ich gesetzt hatte. Das machte mir ein wenig Angst.

Sie haben zwei Schweizermeistertitel und gute Platzierungen im Weltcup erreicht. Wann setzen Sie Ihre Wettkampfkarriere fort?
Wahrscheinlich gar nicht. Ich war im Winter wegen einer Verletzung gezwungen zu pausieren und musste feststellen: Die Wettkämpfe fehlen mir nicht. Ich bevorzuge das Klettern im Fels, Mehrseilrouten, also hohe Felswände. Wenn man einsteigt, glaubt man, die Wand schafft man nie. Aber man will. Und dann merkt man, wie man mit dem Willen die körperlichen Grenzen überwinden kann. Es geht immer weiter. Und wenn man am obersten Haken einhängt und die Wand hinter einem ist und man hat es geschafft – das ist Adrenalin pur im Blut. Das ist so ein Wahnsinnsgefühl. Ich bin dann wie auf Drogen.

Welches ist Ihre nächste «Droge»?
Ich versuche Touren zu machen, die noch keine Frau geschafft hat. Diesen Herbst, wenns klappt, wage ich mich an die «Ali-Baba»-Route in Südfrankreich. Die hat noch niemand gemacht.

Und die wollen Sie jetzt schaffen?
Klar. Warum nicht? Ich setze mir immer hohe Ziele.

Wovon leben Sie? Und wer zahlt die Expeditionen?
Ich habe nie viel zum Leben gebraucht. Ich bin viel unterwegs, schlafe draussen mit Schlafsack und Matte und koche mein Essen auf dem Gaskocher. Ich mag dieses Leben und würde es gegen nichts eintauschen wollen. Manchmal halte ich Referate vor Geschäftsleuten, das ist recht gut bezahlt. Und die Expeditionen finanzieren in der Regel meine Sponsoren. Das sind vor allem Gecko Supply, Prättigau Tourismus, Xorella und Frank AG.

Was ist, wenn Sie einmal nicht mehr klettern oder klettern können?
Dann leite ich vielleicht Expeditionen, erschliesse neue Routen oder mache etwas ganz anderes. Es muss nicht Klettern sein. Es muss mir einfach Spass machen. Dann kann ich das, was ich mache, zu 100 Prozent machen – oder mehr.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Stefan Schlumpf, Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 15.06.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Nina Caprez

Beruf: Kletterin
Geburtsdatum: 15. 11. 1986
Aufgewachsen in: Küblis GR
Wohnort: Küblis, bald Grenoble
Zivilstand: ledig
Karriere: Nina Caprez begann mit 13 zu klettern. Mit 17 entdeckte sie das Sportklettern, mit 19 war sie in der Nationalmannschaft. 2006 dominierte sie die Schweizer Kletterszene und holte sich zwei nationale Meistertitel (Speed und Lead). Seit 2008 verzichtet sie auf Wettkämpfe.
Aktuell: In diesen Tagen werden am Filmfestival in Aix-les-Bains drei Filme mit Nina Caprez präsentiert.
Link: Homepage von Nina Caprez



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