Casper Selg:«Unaufgeregt Fakten liefern»

Persönlich. Casper Selg, die Stimme des «Echo der Zeit», hängt den Moderationsjob an den Nagel: Er wechselt nach Berlin und berichtet künftig aus der deutschen Hauptstadt.

Coopzeitung: «18 Uhr, Schweizer Radio DRS, Echo der Zeit ...» – so kennt man Sie. Was machen Sie künftig um 18 Uhr?

Casper Selg: Entweder werde ich nach getaner Arbeit gerade zusammenpacken oder per Telefon schon die Wünsche für den nächsten Tag erhalten. Vor sechs muss man den letzten Beitrag des Tages überspielt haben, sonst hat man ein Problem – und danach beginnt manchmal schon der nächste Arbeitstag, die Arbeit am Beitrag für den nächsten Morgen.

Was machen Sie konkret?
Ich wechsle als Deutschland-Korrespondent für Radio DRS nach Berlin. Ich werde häufig unterwegs sein, weil der Deutschlandkorrespondent von Lörrach bis Rostock für das ganze Land zuständig ist.

Und Ihre Familie?
Meine Frau ist Sprachtherapeutin in Bern, sie macht erst mal ein Jahr Urlaub und kommt mit – und danach schauen wir weiter. Unser Sohn zieht nach Zürich und studiert da Kunst, der kommt also nicht mit. Er ist in Amerika zur Welt gekommen, als wir das erste Mal da waren. Als wir das zweite Mal nach Amerika gingen, kam er mit – musste er mitkommen – diesmal stellt sich die Frage so nicht mehr.

Sie haben bis jetzt in verschiedenen Funktionen 30 Jahre lang Information für Radio DRS gemacht. Woran erinnern Sie sich speziell?
An vieles. Zum Beispiel an den Krieg im Libanon 1982, als die israelische Armee bis nach Beirut vordrang und die PLO vertrieb. Da war ich als Berichterstatter in Beirut. Oder an die Atomkatastrophe in Tschernobyl, das habe ich hier in Bern als Echo-Moderator erlebt und wusste manchmal schlicht nicht mehr, was ich wie sagen sollte. Als ich das erste Mal in Amerika war, berichtete ich aus Alaska über die Ölkatastrophe der Exxon Valdez, das zweite Mal aus Neuschottland über den Swissair-Absturz vor Halifax. Oder jetzt: die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Das beschäftigt mich enorm. Davon habe ich schlaflose Nächte. Das Schlimmste ist: Man hat so was ja kommen sehen.

Hat Ihnen bei einer Nachricht schon einmal die Stimme versagt?
Das nicht. Aber es gab schon schwierige Momente. Beispielsweise Tschernobyl. Ich sprach verschiedentlich mit Iren Meier, die damals ebenfalls moderierte. Wir wussten nicht, ob wir uns anmerken lassen dürfen, dass auch wir Befürchtungen haben und nicht wissen, was auf die Schweizer Bevölkerung zukommt. Diese Frage stellt sich immer wieder: Wie weit muss man sachlich bleiben, wie weit darf man sich nichts anmerken lassen und wie weit darf man Emotion durchschimmern lassen? Unser Ziel ist es grundsätzlich, unaufgeregt und ohne Emotion die Fakten zu liefern.

Gerade während der Fussball-WM berichten viele Medien sehr emotional.
Genau. Die Medien gehen generell in die Gegenrichtung, machen auf Emotion, weil sie sich verkaufen müssen und der Verkauf läuft leichter über Emotionen als über den nüchternen Verstand.

Was hat sich bezüglich Nachrichten in diesen 30 Jahren verändert?
Vor allem das Tempo. Das hat enorm zugenommen. Vor 30 Jahren war Radio das schnelle Medium: Wir haben drei Mal am Tag die Aktualität bis auf die letzte Minute abgebildet – heute sind alle so schnell. Und ständig. Die Wechselwirkung unter den Medien, die alle so schnell sein wollen, schafft Probleme.

Welche Probleme?
Ein gegenseitig gesteigerter Zeitdruck, der bewirkt, dass man weniger reflektiert und dass immer schon ein Stück Aufregung in die Berichterstattung einfliesst. Die Kombination von Emotionalisieren und gesteigertem Tempo drückt auf den Gehalt und steigert das Herdenverhalten der Medien.

Hat sich das «Echo der Zeit» in den letzten Jahren verändert?
Ja, aber immer in kleinen Schritten. Der Grundanspruch bleibt aber derselbe: Wir möchten dem Hörer Verständnishilfe liefern zur Nachrichtenlage abends um sechs. Und das mit einem speziellen Fokus: Wir berichten nicht wie andere nationale Sendegefässe primär über die Schweiz, sondern wir versuchen, über die Zeit ein Bild der Welt zu vermitteln, natürlich mit der Schweiz im Zentrum.

Die Auslandberichterstattung wäre eigentlich angesichts der Globalisierung immer wichtiger.
Vor allem die kommerziellen Medien entwickeln sich in die Gegenrichtung: in Richtung Lokales. Die Welt wird also immer globaler, das Weltbild aber lokaler. Dazu wollen wir einen Gegenakzent bilden.

Ist Information heute oberflächlicher?
Nicht alle Information. Aber die am meisten genutzte Information ist heute oberflächlicher als das, was früher am meisten genutzt worden ist. Das Extrembeispiel sind die USA, wo bis vor Kurzem viele hervorragende Informationsprodukte vorhanden waren, die ganz grosse Mehrheit der Bevölkerung bezieht ihr Weltbild aber schon lange nur aus den lokalen Abendfernsehnachrichten, die aus Unglücksfällen und Verbrechen in der Stadt, Wetter und Sport und vielleicht einem weiteren Thema bestehen. Wir sind noch nicht so weit, es geht aber in eine ähnliche Richtung.

Stumpft der tägliche Umgang mit Nachrichten ab?
Das kann passieren. Es war eines meiner Berufsziele, dass mir das nicht passiert. Ich bin sehr früh an unglaublich zynische Menschen geraten, als ich Kriegsberichterstattung im Libanon gemacht habe. Da habe ich mir geschworen, nie so zynisch zu werden wie die. Aber die Gefahr besteht. Ich finde es ganz wichtig, dass man das Engagement für die Menschlichkeit nicht verliert, auch wenn man gelernt hat, rational und nüchtern über eine Sache zu berichten. Die Rationalität und die Nüchternheit sollten Mittel sein, um aus dem Engagement für die Sache etwas Vernünftiges zu machen.

Welche Nachricht hätten Sie gerne einmal verlesen?
Friedensvertrag für Nahost. Die Konfliktparteien, die einander seit Jahrzehnten im Würgegriff halten, haben begriffen, dass sie der anderen Seite eine Perspektive öffnen müssen, wenn die sich bewegen soll. Das braucht Mut. Der fehlt leider.

Caspar Selgs beste Nachrichten-Links:

BBC News Immer noch der Standard
New York Times Immer noch gründliche, saubere Arbeit
NZZ Nüchterner als andere Websites, hierzulande
Guardian engagierter Journalismus
All Things Considered Mein altes Vorbild einer gepflegten Radio-Informationssendung
Marketplace Wirtschaftsinformation am Radio
Die Zeit Im deutschsprachigen Raum unentbehrlich
Der Spiegel im deutschsprachigen Raum unentbehrlich
FAZ im deutschsprachigen Raum unentbehrlich
Echo still going strong

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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Peter Mosimann
Veröffentlicht:
Dienstag 22.06.2010, 00:00 Uhr

Steckbrief

Caspar Selg

Geboren: 3. Juni 1950 in Basel
Zivilstand: verheiratet mit Gerda Heuberger, ein Sohn
Wohnort: bei Bern
Werdegang: Jurastudium, kurzzeitig Rechtsanwalt. Seit 1980 bei Radio DRS, zunächst als Moderator von «Echo der Zeit», als Leiter «Echo der Zeit», als stellvertretender Chefredaktor, acht Jahre Korrespondent in Washington.
Aktuell:
Wechselt als Deutschlandkorrespondent nach Berlin.
Link:
Echo der Zeit DRS



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