Kalt erwischt

In Sachen Reifen ist er ihr zu unreif.

Sybil Schreiber: Es ist jedes Jahr dasselbe: Im Herbst denke ich täglich daran, dass wir uns auf Schnee und Eis einstellen sollten. Konkret: Den Garten wintertauglich machen und beim Auto die Reifen wechseln. Ich sage Schneider, was alles zu erledigen ist. Doch das Einzige, was er meint, während er wehmütig Laub recht: «Keine Eile, der Winter ist ja noch nicht da!»

Er kann aber jederzeit kommen: Letztes Jahr überraschte uns über Nacht ein Schneesturm. Ich weiss noch, wie ich im Pyjama unsere Liegestühle unterm Schnee hervorgezogen habe und nur mittels einer erfolgreichen Charmeoffensive einen Garagisten dazu gebracht habe, unser Auto umzurüsten, da wir abends an eine Lesung fahren mussten. Schneider liess das kalt.

Und dieses Jahr? Ist alles wie immer: Schneider findet mich übereifrig und trödelt. Doch dieses Mal nehme ich die Sache selber in die Hand. Ich mache einen Termin bei unserem Garagisten aus. Der Mann am Telefon lobt mich: «Gut, wenn Sie jetzt kommen. Die meisten warten immer viel zu lange!» Ich bin stolz auf mich und hoffe auf einen gewaltigen Schneesturm, während Schneider immer noch im T-Shirt durch unseren Garten schlendert und so tut, als wäre ewig Herbst.

 

Steven Schneider: Je reifer ich werde, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass es für alles Profis gibt – und man am besten durchs Leben kommt, wenn man den Profis vertraut. Wie oft habe ich früher selber Reifen gewechselt, den Wagenheber in der Hand gewogen und überlegt, wie ich ihn
anwenden soll. Ich habe geflucht, bis ich die Radmuttern mit dem Kreuzschlüssel gelöst, das Rad ausgetauscht, dann die Muttern mit grösster Kraft wieder angezogen hatte – und dennoch nicht hundertprozentig sicher war, ob das Rad wirklich hält. Und dann? Dann kam der Schnee nicht!

Also. «Entspann dich», sage ich zu Schreiber, «die Winterreifen kommen ans Auto, wenn Winter ist. Aber nicht, wenn die einzige Rutschgefahr von einem verwelkten Blatt auf dem Asphalt ausgeht.»
Schreiber versteht meine Argumentation nicht. Sie glaubt, dass man sich immer vor allem schützen kann. Aber das ist eine Illusion. Und es ist nicht etwa Fahrlässigkeit, die mich zur Gelassenheit treibt, sondern die Gewissheit, dass ich genau weiss, was zu tun ist, wenn der erste Schnee auf der Strasse liegt. Unsere Familienkutsche stehen lassen. Denn es hat mir einfach viel zu viele Autos auf der Strasse, die mit Sommerpneus herumrutschen.

(Coopzeitung Nr. 46/2011)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Samstag 12.11.2011, 15:00 Uhr

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