Eine Pfote wie ein Bär

Eine herrenlose Katze wird in die Praxis gebracht. Ihre Pfote ist dick angeschwollen. Kaum hat sie sich erholt, richtet sich das Büsi zwischen Untersuchungstischen und Praxisküche häuslich ein und lässt es sich gut gehen.

Wir bringen die Katze vorbei! Sie gehört niemandem und scheint eine Verletzung zu haben», sagte die Anruferin besorgt. Solche Fälle gibt es immer wieder. Niemand wollte diese Katze. Sie hatte sich vielleicht monatelang im Quartier durchgemogelt, stahl mal da etwas Futter und dort ein paar Streicheleinheiten. Doch als sie verletzt war, fühlte sich lange niemand zuständig. Auch die kantonale Meldestelle hatte keine Vermisstmeldung. «Ich gewähre dieser Katze solange Asyl, bis ihre Pfote ausgeheilt ist, doch dann müssen wir eine neue Bleibe für sie finden», erklärte ich der tierlieben Frau, die sie vorbeigebracht hatte.

Die vordere, rechte Pfote der Katze war etwa doppelt so dick wie normal. Ein Abszess zog sich quer durch die Balle und schmerzte sie arg. Obwohl Bärentatze an dieser Pfote sehr schmerzempfindlich war, liess sie die tägliche Wundreinigung gut über sich ergehen. Für Streicheleinheiten machte sie alles. Der Abszess verheilte schliesslich, doch die dicke Pfote blieb. Sie lief munter darauf herum und schien keine Schmerzen zu spüren, aber die Pfote wollte nicht dünner werden. Auch hatte Bärentatze trotz ihrer Aussenvergangenheit keinerlei Lust auf Freiheit.

Sie liess es sich so richtig gut gehen und lebte von Streicheleinheiten, Futter und Siesta. «Normalerweise wollen halbwilde Katzen unbedingt wieder hinaus, was ist mit dir?», fragte ich sie immer wieder. Doch Bärentatze legte sich auf die Seite, lagerte ihr Pfötchen etwas höher auf ein Kissen und schnurrte. Wahrscheinlich hatte sie einmal eine grössere Verletzung an dieser Pfote gehabt. Vielleicht war sie in einem Kippfenster eingeklemmt gewesen? Auch könnte der Abszess bereits lange in der Pfote gewütet haben. Jedenfalls war der Kreislauf nachhaltig gestört, und das seit längerer Zeit. Die Pfote würde ewig so dick bleiben.

Helfen könnte eine Lymphdrainage oder Stützstrümpfe, doch beides kam für Bärentatze nicht infrage. Nicht einmal einen kleinen Verband tolerierte sie, und statt einer Massage liess sie sich lieber am Kopf streicheln. Als Wohnungskatze würde Bärentatze mit einer solchen Pfote kaum Probleme haben. Für das harte Leben draussen aber war sie zu verletzlich. «Deine Zeit ist bald um! Was sollen wir nur mit dir machen?», fragte ich sie. Bärentatze lag eingekuschelt und reagierte nicht. «Wieder aussetzen können wir dich nicht, du bist handicapiert, und draus- sen ist es zu kalt. Bis jetzt haben wir aber kein Plätzchen für dich.»

Sie blinzelte mir zu und streckte sich wohlig. Dann kuschelte sie sich erneut ein. Katzen sind beneidenswert. Sie kümmern sich um kein morgen, sondern geniessen nur den Augenblick.Wichtig zum Überleben in freier Wildbahn: Die Katzenpfote hat viele Funktionen.

(Coopzeitung Nr. 47/2011)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Freitag 18.11.2011, 10:23 Uhr

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