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Persönlich. Christian Lohr ist frischgebackener Nationalrat, Thurgauer Kantonsrat, Sportfunktionär … Und das alles ohne Hände und Arme. Warum nicht?




Christian Lohr:
«Es ist eine Frage der Organisation»

Persönlich. Christian Lohr ist frischgebackener Nationalrat, Thurgauer Kantonsrat, Sportfunktionär, Behinderten-Lobbyist, Journalist, Dozent und geht gern auf Reisen. Und das alles ohne Hände und Arme. Warum nicht?

Coopzeitung: Am 13. November sind Sie Nationalrat geworden, als Ihre Parteikollegin die Nachwahl in den Ständerat schaffte.
Christian Lohr: Das war sehr schön, ein Gefühl der Dankbarkeit und auch eine Ge-nugtuung. Der Wahlkampf war nicht einfach. Es stand wenig Geld zur Verfügung, deshalb gab es keine Plakate und kein einziges Zeitungs-
inserat. Dafür habe ich alle möglichen Netzwerke aktiviert, auch via Facebook.

Sie sind körperlich schwer behindert. Wird Behindertenpolitik Ihr Hauptthema sein in Bern?
Es bringt sicher schon etwas, wenn alle sehen: Man kann auch so nach Bern, und Sozialpolitik liegt mir natürlich nahe. Doch es gibt auch andere Bereiche, die mich interessieren. Wirtschaftspolitik zum Beispiel oder die Beziehung zu den umliegenden Ländern. Ich lebe in Kreuzlingen, an der Grenze
zu Deutschland, und mir ist eine offene Haltung zum Nachbarn wichtig, dass wir vernünftig miteinander umgehen. Hier an der Grenze leben wir zusammen, wir arbeiten zusammen.

Wie hat die Bevölkerung im Thurgau auf Ihre Kandidatur reagiert?
Es gab nur einige wenige negative Reaktionen, Leserbriefschreiber, die meinten, ich sei nicht leistungsfähig genug, körperlich. Das hat mich schon betroffen gemacht, doch ich werde oft unterschätzt. Das ist nicht immer schlecht. Auf der anderen Seite habe ich aber sehr viel Zuspruch erfahren. Viele Leute haben mir für die Zukunft ihre Hilfe angeboten.

Sie waren eines der letzten Contergankinder. Etwas später geboren, und alles wäre anders. Wut? Verbitterung?
Ich frage mich manchmal, wie es denn gewesen wäre. Besser, schlechter? Immer häufiger denke ich, es ist mein Privileg, behindert zu sein. Ich nehme das Leben sehr bewusst wahr, vielleicht bewusster als viele andere. Doch der Grund für meine Behinderung ist ein Skandal: Es hätte nicht geschehen müssen.

Ist die Contergankatastrophe heute überhaupt noch bekannt?
Die Jüngeren wissen es nicht mehr, es ist ja 50 Jahre her, doch ich finde es wichtig, dass man es in Erinnerung ruft. Contergan wurde damals als harmloses Medikament angepriesen, auch für werdende Mütter. Weltweit wurden 10 000 bis 12 000 Kinder mit ähnlichen Behinderungen geboren, wie ich sie habe. Keine Arme und missgebildete Beine.

Trotz des Handicaps ist Sport eine Ihrer Leidenschaften. Welche Sportart mögen Sie am liebsten?
Ich schwimme sehr gerne. Begonnen habe ich damit als kleines Kind, zu therapeutischen Zwecken. Das war sehr gut. Ich hatte auch nie Angst im Wasser. Ich bin halt ein Kreuzlinger Seebub.

Sind Sie auch an Wettkämpfen geschwommen?
Ja, an einigen. Sport hat mich vieles gelehrt. Niederlagen akzeptieren, fair spielen. Das ist mir auch sonst im Leben wichtig. Im Sport werden Spielregeln akzeptiert und eingehalten, meistens jedenfalls. Warum klappt das sonst nicht auch?

Wünschen Sie sich mehr Regeln?
Nein, nicht mehr Regeln. Im Gegenteil. Die Regeln, die man schon hat, einhalten, dann braucht es auch nicht dauernd neue.

Sie arbeiten als Sportjournalist. Ihr Traumberuf?
Ja, mein Bubentraum. Den ersten Artikel schrieb ich über den Handballclub Kreuzlingen, mit 14 Jahren. So bin ich zum Journalismus gekommen. Dem Verein bin ich bis heute treu, bin Speaker und schreibe Matchberichte. Das möchte ich auch weiter tun.

Sie reisen auch gerne.
Ich war mehrmals in Asien und Amerika, in Japan, China, Alaska. Die weiteste Reise ging nach Neuseeland. Das war im Rahmen der Paralympics. Für den Behindertensport war ich oft unterwegs. Ich reise auch privat gerne, habe praktisch überall auf der Welt gute Freunde. Regelmässig besuche ich meine Freundin in Wien.

Sie sind sehr engagiert, wie schaffen Sie das bloss alles?
Es ist eine Frage der Organisation. Ich muss alles gut planen und vorbereiten. Dann kann ich auch alleine reisen. Ich werde aber immer auf Hilfe angewiesen sein. Mein Bruder, meine Eltern, Freunde, Bekannte – ich habe zum Glück ein Umfeld, das mich immer unterstützt.

Wer unterstützt Sie in Bern?
Ich bin dabei, das zu organisieren. Die Parlamentsdienste in Bern überlegen sich ebenfalls, wie sie mir helfen können. Ein Punkt ist zum Beispiel die Höhe des Rednerpultes, oder der Abstimmungsknopf.

Am 5. Dezember beginnt Ihre erste Session. Sie werden vereidigt.Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie schwören?
Mit dem Fuss natürlich, womit denn sonst?

Christian Lohr

Geburtsdatum: 5. April 1962
Wohnort: Kreuzlingen
Beruf: Journalist, Dozent
Ämter: Nationalrat CVP, Kantonsrat TG, Gemeinderat Kreuzlingen, Vorstand Pro Infirmis Schweiz, Ehrenpräsident Plusport Behindertensport Schweiz, u. a.
Hobbys: Schwimmen, Lesen, Reisen
Besondere Kennzeichen: Keine Arme, missgebildete Beine
Werdegang: Fünf Monate nach dem Rückzug des Medikaments Contergan als eines der letzten Contergankinder geboren; Besuch der öffentlichen Schulen, Studium der Volkswirtschaft; journalistische Tätigkeit mit Schwerpunkt Soziales und Sport.

www.lohr.ch

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Text: Antoinette Schwab

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Dienstag 22.11.2011, 10:19 Uhr

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