Sch-Moll-Ton

Sie will strafen und er fühlt sich belohnt.

Steven Schneider: Unglaublich, wie viel auf dieser Autobahn zwischen Zürich und Bern los ist. Wir fahren diese Strecke ja nur selten, zum Beispiel jetzt, wo es an eine Lesung geht. Vielleicht ist ja auch nur zu Stosszeiten so viel Verkehr. Und vielleicht gewöhnt man sich auch daran, wenn man das jeden Tag erlebt. Ich geniesse die Fahrt jedenfalls trotzdem. Schreiber schweigt nämlich. Und es ist so schön still in unserem Auto.
War ja auch genügend los heute tagsüber im Geschäft, Sitzungen und Stress, und dann musste ich vorhin auch noch erfahren, dass mein weisser Bordeaux, der im Eichenfass gereift ist und ein Vermögen gekostet hat, in einem Riesentopf Risotto verdampft ist. Super! Ich mag nun wirklich gar nicht reden, und reden werden wir nachher an der Lesung noch genügend. Muss nur schauen, dass ich die Stimmung zwischen uns wieder hinkriege, bis der Auftritt beginnt.
Aber da warte ich jetzt noch. Denn mit ihrem Schweigen will sie mich ja nur bestrafen. Und dieses Gefühl muss ich ihr einfach lassen. Nichts schlimmer, als wenn ich jetzt sagen würde, dass mich ihr Schweigen so richtig entspannt und genau das Richtige nach einem hektischen Tag wie heute ist.

Sybil Schreiber: Dieser Mann hat manchmal einen derart unmöglichen Blick drauf! Auch wenn er nichts sagt, sehe ich klar und deutlich seinen Vorwurf. Und wenn er dann doch was sagt, spielt sein Ton im Bereich Moll, ach, was sage ich, im Bereich Minusmoll  – Schneiders typischer Schmollton! Wir haben einen hektischen Tag hinter uns, an dem wir uns nur stichwortartig verständigen konnten. Es war einfach keine Zeit, irgendwas in Ruhe zu besprechen. Und jetzt, da wir an eine Lesung fahren, macht er einen auf penetrant schlecht gelaunt.
Warum? Weil ich für den Risotto seinen teuersten Weisswein verwendet habe. Woher soll ich denn wissen, wie viel der Wein kostet, der im Weingestell liegt? Und überhaupt: 29 Franken für eine Flasche Weisswein – ist Schneider eigentlich von allen guten Geistern verlassen?  
Aber warte nur. Ich sage jetzt gar nichts mehr. Ich schweige und lasse Schneider schmoren. Meine Lippen bleiben versiegelt und er soll sich fragen, wieso. Der Kopf ist schliesslich rund, damit die Gedanken auch mal die Richtung ändern können, nicht wahr?
Dann denk mal in eine andere Richtung, mein Lieber! Das würde ich ihm jetzt eigentlich schon gerne deutlich sagen ...

(Coopzeitung Nr. 48/2011)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 25.11.2011, 10:47 Uhr

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