Locker machen

Sie lernt atmen und er holt Luft.

Steven Schneider: Schreiber liegt im Wohnzimmer auf dem Boden, aus der Musikanlage erklingt eine Stimme: «Nimm deine Ferse wahr.» Ich nehme wahr, dass es halb sieben Uhr morgens ist, die Zeit, die normalerweise ganz allein mir gehört. Nun aber hat Schreiber das Morgengrauen entdeckt und macht ihre Entspannungsübungen genau dort, wo ich still meinen Tag mit einer schönen Tasse Kaffeebeginne. «Atme bewusst und ohne Anstrengung, spüre deine Kniescheibe.» Ich spüre nur Lust auf Kaffee, trau mich aber nicht, den Herd anzustellen, denn der piepst. «Nun schenke deine Aufmersamkeit dem Oberschenkel.»
Ich schenke meine Aufmerksamkeit zu dieser Zeit niemandem, ich brauch eigentlich nur einen Kaffee. «Wenn Gedanken kommen, dann nimm sie wahr, ohne sie zu werten und lasse sie wieder gehen. Finde zurück zu deinem Atem.» Ich finde zurück zu meinem akuten Bedürfnis nach Kaffee. Aber Schreiber wird noch eine halbe Stunde am Boden herumliegen und ihre Einzelteile wahrnehmen. Genug! Ich schreite zur Tat und schraube möglichst geräuschlos die Mokkakanne auf. Leider nimmt sie auch das wahr: «Mach nicht so einen Lärm!», zischt sie. Tja, da weiss ich doch schlagartig, weshalb sie diesen Kurs macht.

Sybil Schreiber: Ich neige zu Hektik und rasendem Herzschlag und habe wenig Geduld. Kurz: Ich leide unter Stress, auch wenn ich gar keinen haben müsste. Vor allem viele Termine machen mich kribbelig: So kribbelig, dass ich meistens noch rasch einen Kaffee trinke. Da ich aber der Meinung bin, dass man sich selbst als Erwachsener noch ändern kann, tu ich was.Ich will nämlich locker, gelassen und sanft werden, also gaaanz anders... Deshalb nehme ich an einem Anti-Stress-Kurs teil, der hier den Winter über stattfindet. Dort meditiere ich zusammen mit anderen Frauen, lerne Yoga, bewusst zu atmen, und achtsam durch die Welt zu gehen.
Bereits die ersten Kursabende haben mir enorm gut getan. Ich spüre, wie ich öfter mal innehalte und tief Luft hole, statt in die Luft zu gehen. Ich betrachte gewisse Dinge ganz anders oder sehe sie überhaupt zum ersten Mal: den Fliegenpilz im Wald, das warme Wasser aus der Leitung, das Lachen meiner Kinder. Damit ich Fortschritte mache, muss ich jeden Tag eine Dreiviertel Stunde meditieren, Yoga üben, mehrmals täglich drei Minuten bewusst atmen und generell Achtsamkeit trainieren.
Ein volles Programm. Was mich – ehrlich gesagt – etwas stresst.

(Coopzeitung Nr. 49/2011)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 05.12.2011, 10:00 Uhr

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