Moderator Reto Lipp beim Fernsehstudio in Zürich. Er bezeichnet sich als Nachrichten-Junkie.

Reto Lipp:
«Wir bringen die Hintergründe»

Persönlich. Reto Lipp ist das Gesicht des Magazins Eco. Er moderiert die erfolgreiche Wirtschaftssendung des Schweizer Fernsehens.

Coopzeitung: Eine der grossen Stärken der Sendung Eco sind Erklärungen. Können Sie erklären, warum sich der Husten des amerikanischen Präsidenten auf die Wirtschaft auswirkt?
Reto Lipp: Die Wirtschaft und die Wirtschaftsführer haben seit der letzten Krise an Glaubwürdigkeit verloren. Man traut ihnen nicht mehr zu, die Wirtschaft ankurbeln zu können. Deshalb spielt die Politik im Moment eine viel grössere Rolle. In der Krise erhoffen sich alle die Rettung von der Politik.

Eco ist bereits im fünften Jahr, und Wirtschaftsthemen scheinen das Publikum tatsächlich zu interessieren. Verstehen Sie das?
Ja. Das fing mit der Immobilienkrise in den USA vor vier Jahren an. Unser erster Beitrag beschäftigte sich mit diesem Thema, was viele Leute nicht verstanden. Es wurde uns vorgeworfen, wir würden über ein ausgefallenes Thema berichten, das hierzulande sowieso niemanden interessiere. Aber es zeigte, wie vernetzt die heutige Welt ist. Plötzlich haben hier viele Anleger gemerkt, dass auch sie Besitzer von Ramschpapieren der Lehmann-Bank waren, ohne es zu wissen.

Sind Sie selber zufrieden mit Ihrer Sendung?
Ja, das bin ich. Im Durchschnitt haben wir rund 220 000 Zuschauer bei der Erstausstrahlung. Der Marktanteil liegt bei 20 bis 22 Prozent, das ist gut. Wir hatten im letzten Jahr eine kontinuierlich steigende Quote.

Kommen die Grafiken und Erklärungen beim Publikum gut an?
Sehr. Erklärungen waren im Fernsehen lange Zeit out, weil man nicht lehrerhaft erscheinen wollte. Aber die Dinge sind heute kompliziert und wichtig zugleich. Deshalb sind die Zuschauer dankbar für Erklärungen. Es ist wohl die Mischung, die es ausmacht. Wir bringen Hintergründe, gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge, aber auch Geschichten über interessante Unternehmen und ihre Chefs.

Hört man die Nachrichten, befinden wir uns in einer Krise. Bloss scheint das hier keiner zu spüren. Klagen wir einfach auf hohem Niveau?
Ich glaube, das kann man so sagen. Wir haben kürzlich aufgezeigt, dass in den letzten 15 Jahren in der Schweiz 600 000 neue Jobs geschaffen wurden. In der gleichen Phase sind 300 000 Jobs vernichtet worden. Netto aber haben wir 300 000 Jobs gewonnen. Wir sind ein Job-Wunderland mit einer Arbeitslosenquote von drei Prozent. Aber wir kommen nun in eine schwierigere Phase, der Franken ist stark, die Wirtschaft kühlt sich international ab.

Die Wirtschaftslage ist stark abhängig von der Stimmung der Konsumenten. Wenn die gut ist, geben die Menschen mehr Geld aus. Welche Bedeutung kommt den Medien zu, wie sehen Sie ihre Rolle?
Man soll die Dinge weder schönreden noch soll man schwarzmalen. Tendenziell ist das Gerede über die Eurokrise der wirtschaftlichen Entwicklung sicher nicht förderlich, deshalb soll man auch die positiven Faktoren betonen. Ich plädiere stark für einen realistischen Kurs.

Ist das das Credo von Eco?
Ja. Wir pflegen einen fairen Journalismus. Kritische Fragen stellen, aber fair und angemessen berichten, auch etwas differenzierter. Das ist möglich, weil unsere Beiträge länger sind als beispielsweise bei der Tagesschau.

Sie sind Ökonom, waren auch Banker. Warum sind Sie im Journalismus gelandet?
Ich war nur ein Jahr bei der Bank und habe auch dort in erster Linie Kommunikation gemacht und nicht Anlageberatung. Insofern ist der Wechsel nicht grundlegend. Für mich war es interessant, einmal in einem Grossunternehmen zu arbeiten. Aber ich bin ein Nachrichten-Junkie. Ich bin in den Medien schon am richtigen Ort.

15 Jahre Ihres Lebens waren Sie hinter dem Radiomikrofon. Eine alte Leidenschaft?
Absolut. Eigentlich mein Lieblingsmedium. Im Fernsehen sieht man immer alles. Die Stimme am Radio lässt etwas für die Fantasie offen. Das hat mich immer fasziniert. Mit 19 hatte ich mich bei Radio 24 beworben und von Roger Schawinski eine Absage bekommen. Die fiel mir kürzlich wieder in die Hände. Lustigerweise darf ich ihn jetzt jeden Montag ansagen, weil er nach meiner Sendung kommt.

Als Radiomann hören Sie viel Musik?
Musik ist ein sehr grosses Hobby. Mein iPod enthält etwa 19 000 Titel. Ich würde mir heute noch zutrauen, das Musikprogramm von so manchem Sender zu programmieren. Ich lese auch viel, bin eigentlich immer mit einem Buch unterwegs.

Gibt es Lieblingsautoren?
Vor allem faszinieren mich amerikanische Autoren wie Paul Auster, Philipp Roth oder John Irving. Aus dem deutschen Sprachraum habe ich gerade eben Charles Lewinskys neuen Roman «Gerron» gelesen. Ein sehr gutes Buch, brillant geschrieben.

Sport?
Ich treibe etwas Sport zur Körperhygiene. Schwimmen, etwas Krafttraining,  zu Hause stehe ich jeden Morgen auf dem Crosstrainer, um mein Gewicht unter Kontrolle zu halten. Sport ist für mich wie Zähne putzen: Ich mache es nicht gerne, aber ich weiss, dass es notwendig ist.

Reto Lipp

Geburtsdatum: 5. August 1960
Wohnort: Zürich
Zivilstand: ledig
Werdegang: Reto Lipp ist Ökonom. Er arbeitete lange Jahre bei Radio Z, zuletzt als Mitglied der Redaktionsleitung, bei der Handelszeitung und beim Magazin «Stocks». Danach wechselte er zur UBS, ehe er im August 2007 zum Schweizer Fernsehen stiess.
Aktuell: Am Montag, 2. Januar 2012, 22.20 Uhr, strahlt SF eine Sondersendung des Wirtschaftsmagazins Eco über die heutige Arbeitswelt aus. Eco fühlt den Arbeitnehmern in der Schweiz den Puls und zeigt, wo Gewerkschaften künftig ansetzen müssen, um den Arbeitnehmern wirklich zu dienen, wie die Chefs der Zukunft ausgebildet werden und welche Folgen es hat, wenn jeder den Lohn seiner Arbeitskollegen kennt.

Weitere Antworten von Reto Lipp

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge. Sehr zu empfehlen.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Maigret – der legendäre Kommissar von Georges Simenon.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Ich bewundere den französischen TV-Moderator Michel Drucker.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
„La piel que habito“ von Pedro Almodovar

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Alle von Claude Chabrol.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Der Journalist aus Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie.

Was für Musik hören Sie gerade?
Das neue Album von Laurent Voulzy.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Die letzte CD von Christophe Maé - passt auf jede Südseeinsel.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Jean-Jacques Goldman, ich bin ein Fan!

Was kochen Sie selbst?
Es reicht gerade mal für Pasta.

Ihre Lieblingsspeise?
Selbstgemachter Hackbraten mit Kartoffelstock.

Ihr Lieblingsgetränk?
Rivella blau mittags,  abends dann gerne ein Glas Rotwein.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit lieben Freunden.

Und wo essen Sie am liebsten?
In einem gemütlichen Restaurant, bitte nicht zu „trendy“ und schon gar nicht „cool“!

Mac oder PC?
PC

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Definitiv Meer

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Am Begräbnis meines Vaters.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Dem französischen Star-Imitator Nicolas Canteloup gelingt das täglich mit seiner Radio-Sendung „la revue de presque“.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Delfin.

Wovon träumen Sie?
Von einem Sommertag am Meer.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Eine gute Gesundheit und dass die Neugier aufs Leben nie erlischt.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Freitag 09.12.2011, 15:36 Uhr

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