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Quelle der Kraft

Dschingis Khan soll mit in Helmen gebrühtem Fleisch seine Krieger gestärkt haben. Noch heute stärkt Fondue Chinoise – auch ohne Helm.

Vor ungefähr 800 Jahren kämpfte der mongolische Reiterfürst Temüjin, hierzulande besser bekannt als Dschingis Khan, eine seiner grossen Schlachten irgendwo in der mongolischen Tundra. Vielleicht war es im Jahr   1202, im Osten, während der Schlacht gegen die Merkiten, vielleicht war es, als er im Osten die Tataren angriff, um sich für den Tod seines Vaters zu rächen. Vielleicht war es 1203, als er gegen die Keraiten unter Toghril Khan und Nilkha kämpfte, oder 1204, als er gegen die Naimanen im Westen unter Tayang Baybugha in die Schlacht zog. Jedenfalls war es kurz vor einer Schlacht.

Der grosse Temüjin – er hiess damals noch nicht Dschingis Khan, weil er von den mongolischen Schamanen noch nicht zum Grosskhan aller Mongolen ernannt worden war. Temüjin also ritt auf seinem Pferd dem Feind entgegen, als er plötzlich unbändigen Hunger verspürte. Er zügelte seinen Hengst – der grosse Heerführer sass sicher nicht auf einer Stute – er zügelte also seinen Hengst so ungestüm, dass der unwillig den Kopf verwarf und seine Nüstern blähte. Temüjin hob seine Hand, die wilden Reiterhorden gehorchten sofort und stiegen von ihren Pferden. Temüjin liess seinen Hengst sich auf der Hinterhand drehen, musterte die Reihen seiner Krieger und tat seinen Hunger kund. Natürlich sagte er nicht einfach: «Jungs, ich hab’n Ast», er wandte sich an seine tapferen Krieger und forderte sie auf, sich zu einer letzten Atzung niederzusetzen, auf dass sie Kraft und Hoffnung tanken und sich voller Mut ins Schlachtgetümmel stürzen mögen.

Die Krieger schauten sich etwas ratlos an. In ihren Satteltaschen führten sie zwar etwas Trockenfleisch und ein paar Fladenbrote mit, der grosse Temüjin aber wollte speisen vor der Schlacht. Das tönte nicht nach Fladenbrot und Trockenfleisch. Die Kochmannschaft jedoch lag zwei Tagreisen hinter dem Heer. Die Krieger waren weder mit Gerätschaften noch mit Vorräten ausgerüstet. Doch Temüjin wusste Rat. Alsbald sprengten ein paar Leichtbewaffnete aus, um Fleisch zu machen. Andere sammelten das Holz, das die kärgliche Tundra hergab. Dritte nahmen die erlegten Gazellen entgegen, weideten sie aus und schnitten das Fleisch mit den rasierklingenscharfen mongolischen Säbeln in feine Scheiben. Und dann, dann kam die Idee von Temüjin zum Tragen: Die Soldaten nahmen ihre Helme ab, füllten sie mit Wasser, gaben ein paar Gewürzkräuter rein und stellten die Helme aufs Feuer. Als die Bouillon kochte, spiessten sie die Gazellenscheiben auf kleine Zweige, tauchten sie in die brodelnde Flüssigkeit und alsbald erfreuten sie sich des köstlichsten Schlachtmahls, das mongolische Soldaten je gegessen hatten.

Heute heisst das Gericht Fondue Chinoise und es funktioniert noch genau so. Natürlich wird Gazelle durch Rind, Schwein oder Truthahn ersetzt, anstelle eines Zweiges nimmt man eine Gabel und man stellt keinen Helm aufs Feuer,  sondern einen Topf aufs Rechaud – die Wirkung aber bleibt sich gleich: Egal, was für Schlachten danach auf Sie warten – Sie sind dafür gewappnet.

Traditionelles Fondue Chinoise mit Bouillon und diversen Saucen, Mixed Pickles und Senffrüchten. Nach Belieben Chips, Reis oder Baguette dazu servieren. Zartes Fleisch am Spiesschen: ein festliches und stärkendes Mahl.




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Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Ferdinando Godenzi
Styling:
Marianne Ettlin
Veröffentlicht:
Donnerstag 15.12.2011, 15:56 Uhr

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