Der kleine Retter

Nicht alle Beziehungen zwischen Hund und Halter fangen gut an. Ein Rentner kann sich mit seinem neuen Hund zunächst überhaupt nicht anfreunden. Doch dann werden sie unzertrennlich.

Der Kunde war verärgert. Eigentlich hatte er gar keinen Hund gewollt! «Meine Kinder haben mir diesen Hund einfach so untergejubelt. Ich wollte endlich einmal meine Pension geniessen, doch jetzt muss ich mich um so was kümmern!»

Mit «so was» war ein kleiner, seidig gelockter Mischling gemeint, der auf den Namen Felix hörte. Er sass zitternd auf dem Praxistisch. Seine Vergangenheit war traurig. Irgendwoher in ein Tierheim abgeschoben. Ich hoffte, dass seine Zukunft wenigstens etwas besser sein würde. Nach dem Gesundheitsuntersuch und dem Registrieren des Hundes erklärte ich dem Besitzer, dass er nun für den Sachkundenachweis in eine Hundeschule müsse. Wie immer musste ich mir danach anhören, wie unbeliebt diese Kurse bei vielen Besitzern waren. Anschliessend lief der Kunde wütend davon. Ich wusste nicht einmal, auf was genau dieser Hundebesitzer wütend war.

Dann, nach wenigen Wochen, wurde Felix nachgeimpft. Sichtlich lockerer berichtete der Rentner von der Hundeschule. Er habe sich gleich für den nächsten Kurs eingeschrieben. «Schliesslich haben wir noch viel zu lernen.» Seine Augen leuchteten, als der kleine Hund ihn anwedelte. Er murrte immer noch über das frühe Aufstehen und dass er mit dem Hund jetzt gebunden wäre, doch schien er dies nicht mehr so ernst zu nehmen. Wieder einige Zeit später wurde ich angefragt, was so ein kleiner Hund im Ausland für Impfungen brauche.

Offensichtlich durfte der Kleine jetzt mit seinem Herrchen verreisen. Ein fröhlicher Besitzer erschien in der Praxis, um sich eine Reiseapotheke zusammenstellen zu lassen. Diesmal kein Wort und kein Ärger mehr darüber, dass er sich den Hund nicht gewünscht hätte. Danach sah ich den Hund längere Zeit nicht mehr. Bis schliesslich wieder einmal ein Praxisbesuch anstand. Er hatte sich die Pfote verletzt. Während der Kleine in Narkose war und ich die Wunde vernähte, lief ein aufgeregter Besitzer im Wartezimmer auf und ab. Ich nähte ruhig weiter.

Dann erzählte er, wie er in der Hundeschule wieder angefangen habe, mit Menschen in Kontakt zu treten. Auch auf Spaziergängen sei er vielen neuen und alten Kollegen begegnet. Als Felix im Halbschlaf in seinen Armen lag, meinte der Besitzer: «Ich glaube, Felix ist mein Anker! Ohne ihn hätte ich die schwere Zeit hinter mir kaum bewältigt. Aber er war immer für mich da. Ich weiss gar nicht, was ich ohne ihn machen sollte! Er ist jetzt meine Familie!» Ich lächelte gerührt. Offensichtlich hatten seine Kinder die richtige Idee gehabt.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Montag 02.01.2012, 10:18 Uhr

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