Präsident der Grossen Kammer für ein Jahr und damit höchster Schweizer: Hansjörg Walter will vermittelnd – gewissermassen als Türöffner – wirken.

Hansjörg Walter:
«Die Politik muss sich für Menschen interessieren»

Persönlich. Im Jahr 2012 ist er der höchste Schweizer. Hansjörg Walter über seine erste Session als Nationalratspräsident, den Graben zwischen Stadt und Land, und wie er Verständnis zwischen den Landes- und Bevölkerungsteilen fördern will.

Coopzeitung: Herr Walter, wir leben in schwierigen Zeiten: Europa ist in einer Krise, die Schweiz hat mit dem starken Franken zu kämpfen. Was sagen Sie uns Pessimisten?
Hansjörg Walter: Wir dürfen immer noch auf die Stärken der Schweiz zählen. Der starke Franken ist zwar hart für die Exportindustrie, aber auch ein Indikator, dass es uns besser geht als den umliegenden Ländern. Ich bin zuversichtlich, dass die Nationalbank die Justierung des Frankens richtig einschätzen kann.

Als Nationalratspräsident sind Sie viel unterwegs. Wie schätzen Sie die Stimmung in der Bevölkerung ein?
Ich spüre eine gewisse Skepsis. Gerade darum ist es wichtig, dass die Politik zuversichtliche Signale aussendet.

Macht sie das?
Zu wenig! Aber die Politik hat in einer solchen Situation auch nicht sehr viele Möglichkeiten.

Und Sie selber, als Nationalratspräsident?
Ich kann versuchen, in der Bevölkerung das Verständnis für die schwierige Situation zu fördern. Dass es zum Beispiel besser ist, einheimische Produkte zu kaufen, auch wenn Importe im Moment so billig sind. Die Preise für diese einheimischen Produkte sind Solidaritätsbeiträge. Die Beschäftigungslage in der Schweiz sollte mehr zählen als der möglichst günstige Einkauf im Ausland.  

Das sagen Sie jetzt auch als Bauer.
Ja, natürlich. Auch wir sind auf das Verständnis und die Solidarität der Bevölkerung angewiesen.

Sie haben nun Ihre erste Session als Nationalratspräsident hinter sich. Zufrieden?
Ja, es war eine gute Session. Wir sind sehr speditiv vorangekommen, die Voten waren kurz und gut. Und trotz der angespannten Situation während der Bundesratswahlen hatte ich das Gefühl, der Dialog zwischen den Parlamentariern funktioniere gut.

Die Bundesratswahlen konnten Sie nicht als Nationalratspräsident leiten, weil Sie Kandidat der SVP waren. Ein richtiger Entscheid?
Ja, ich würde es wieder gleich machen. Die SVP befand sich in einer besonderen Situation. Mir ist es gelungen, die Position der Partei zu kommunizieren, unser Verständnis von der Konkordanz. Darum kandidierte ich auch nur gegen die Kleinpartei BDP. Ob unsere Taktik richtig war, darüber kann man sich streiten. Aber im Nachhinein ist man immer klüger.

Während Ihres Präsidialjahrs werden Sie die Schweiz bereisen. Stimmt der Eindruck, dass die grossen Mentalitätsunterschiede nicht mehr zwischen der Romandie und der Deutschschweiz zu suchen sind, sondern zwischen Stadt und Land?
Gerade in gesellschaftspolitischen Fragen gibt es diesen Graben zwischen Stadt und Land, er ist ein relativ neues Phänomen. Die ländliche Bevölkerung ist mehrheitlich wertkonservativ eingestellt, die urbane Bevölkerung eher offen und auslandsorientiert.

Wie können Sie das Verständnis zwischen den Gruppen fördern?
Wir hatten mal in der Landwirtschaft den Slogan «Wir bringen Leben in die Stadt» und zogen dann ab und zu mit einer Kuh durch die Stadt. Ein gutes Beispiel für den wichtigen Kulturaustausch. Es braucht Verständnis von beiden Seiten. Ländliche Regionen sollten gewisse Kulturbeiträge an die Stadt leisten und im Gegenzug auch das Angebot nutzen: Mal einen Film schauen gehen, ins Theater oder die Oper. Umgekehrt funktioniert der Austausch ja gut, viele Städter erholen sich in der Landschaft.

Was haben Sie sich für Ihr Präsidialjahr vorgenommen?
Ich werde viele Besuche machen. Wenn der Nationalratspräsident an einem Fest begrüsst werden kann, wird das sehr geschätzt. Die Menschen haben das Gefühl, die Politik interessiere sich für ihre Anliegen. Und genau das möchte ich vermitteln.  

Haben Sie einen Vorsatz gefasst?
Ich möchte ein Botschafter der Politik für das Schweizer Volk sein. Und ich möchte einen möglichst speditiven Parlamentsbetrieb!

Jean-René Germanier, Ihr Vorgänger als höchster Schweizer, war Winzer. Maya Graf, Ihre Nachfolgerin, ist Bio-Bäuerin. Die Landwirtschaft hat die Schweiz fest im Griff!
(Schmunzelt) Das zeigt, dass die bäuerlichen Parlamentarier breit abgestützt sind. Dass jetzt gleich drei Bauern hintereinander höchster Schweizer werden, ist ein Zufall. Aber ein schöner!

Hansjörg Walter

Der Thurgauer Hansjörg Walter (61) sitzt seit 1999 für die SVP im Nationalrat. Bereits zweimal war er Kandidat für den Bundesrat, 2008 scheiterte er knapp gegen Ueli Maurer (mit einer Stimme Unterschied), 2011 war die Niederlage gegen Eveline Widmer-Schlumpf deutlicher. Der Präsident des Bauernverbands ist in diesem Jahr Nationalratspräsident und damit der höchste Schweizer. Hansjörg Walter ist verheiratet, Vater von drei erwachsenen
Kindern und wohnt in Wängi, wo er einen landwirtschaftlichen Betrieb führt.

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Stefan Kempf

Mediamatiker

Text: Philipp Loser, Bundeshausredaktor der Basler «TagesWoche»

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Dienstag 03.01.2012, 13:16 Uhr

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