Überfallgefahr: Pankaj Parakh braucht Leibwächter, wenn er in seinem Hemd aus Gold spazieren geht.

Männersache: Für drunter und drüber

Auf den ersten Blick ähneln sie sich, auf den zweiten erkennt man wichtige Unterschiede. So geht man mit ihnen richtig um – mit den Hemden, nicht den Männern. Das wär ein ganz anderes Thema.

Er trug 40 Jahre lang das gleiche Hemd. 40 Jahre? Ja, 40! Aber Sie haben recht, wenn Sie vermuten, dass es weit weniger schlimm ist, als es klingt. Das immer gleiche Hemd trug der Texaner Dale Irby nämlich nur für Fotos, genauer: für die Fotos des Jahrgangsbuches, das an amerikanischen Schulen üblich ist, denn Irby arbeitete als Lehrer. Das Hemd stammte aus den Siebzigerjahren, erkennbar am typischen, grossen Kragen, der damals Mode war. Und obwohl dies keine sehr wichtige News ist, schaffte es Irby damit in die internationalen Zeitungen. Sogar das Nachrichtenmagazin Spiegel führte ein Interview mit ihm. Hemden können also durchaus die Welt bewegen. Wie das vier Kilo schwere Exemplar aus Gold, das sich der Inder Pankaj Parakh leistete, weil ihn das Material fasziniert. Als Geschenk zum Geburtstag von sich selbst für sich selbst. Es ist rund 200 000 Franken wert, 20 Goldschmiede arbeiteten vier Monate lang daran. Doch so eine Extravaganz hat ihre Tücken. Wenn er damit durch seinen Heimatort Yeola spaziert, braucht er vier Leibwächter. Und wahrscheinlich auch sonst überall auf der Welt.

Zwei Fotos, 40 Jahre Unterschied

Zwei Fotos, 40 Jahre Unterschied
http://www.coopzeitung.ch/19637930 Zwei Fotos, 40 Jahre Unterschied

Für jeden Mann das Passende

Dabei ist eigentlich nicht viel dran an so einem Hemd, wenn es nicht gerade aus Gold ist: Vorder- und Rückseite, die Ärmel, eine Reihe Knöpfe, Manschetten und der Kragen. Er ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal, erklärt Bettina Kiesinger (42). Sie berät im Warenhaus Pfauen in Basel Kunden, die ein Hemd suchen. «Es gibt für jeden Mann das passende», versichert die quirlige Fachfrau. Ein Allrounder, der immer passt, ist ein Kent-Kragen. «Ideal fürs Büro, da man alle Krawattenarten zu dieser Form tragen kann. Perfekt für den Businesslook eignet sich auch ein Haifischkragen», erklärt Bettina Kiesinger. «Er passt aber nicht zu Männern mit rundlichem Gesicht, da es durch diesen Kragen gedrungener aussehen kann.» Im beruflichen Umfeld empfiehlt sie, bei Farben eher dezent zu sein. «Weiss und Hell- bis Mittelblau gelten als Klassiker. Wer Streifen vorzieht, sollte darauf achten, dass sie dezent ausfallen. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto weniger formell wirkt das Hemd.»

Grosser Auftritt fürs Hemd

Natürlich kommt es auch darauf an, wo man arbeitet. In kreativen Branchen müssen seltener Kleiderordnungen befolgt werden als etwa bei einer Bank. Immerhin gelten von Staats wegen keine strengen Gesetze mehr, wie im Jahr 808, als Karl der Grosse das Aufwandgesetz einführte. Damit bestimmte er, wie viel jeder Stand für seine Kleider ausgeben durfte. Verschiedene Länder und Städte kannten solche Gesetze ebenfalls durch alle Jahrhunderte hindurch. Shopping als Hobby oder der grosse Kaufrausch nach einem Frust-Tag wäre damals wohl schwierig gewesen. 

Erst mit dem Einfluss der Aufklärung traten solche Beschränkungen immer mehr in den Hintergrund, bis man sich schliesslich endgültig davon verabschiedete. Während die Aufwandgesetze verschwanden, kam der Aufstieg des Hemdes, wie wir es heute kennen. Die durchgehende Knopfleiste beispielsweise gibt es erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Erleichterung, denn man muss es sich nicht mehr über den Kopf ziehen. Das schont die Frisur. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde der angenähte Kragen erfunden. Davor musste er angeknöpft werden, wie heute noch der sogenannte 
Vatermörder.

Offene Knöpfe? Wenn ja, wie viele?

Apropos Knöpfe, das weit offene Hemd mit Brusthaar und einem Goldkettchen ist umstritten. Stilexperte und Journalist Mark van Huisseling zum Beispiel findet, dass man fünf Knöpfe offen lassen darf. Bettina Kiesinger widerspricht: «Maximal ein Knopf sollte offen bleiben. Im alleräussersten Fall auch mal zwei, wenn man einen Krawattenschal trägt.» Das ist auch abhängig von der Frage, wie man wirken möchte: korrekt, originell oder verrückt. Der offene Knopf gilt allerdings nur für ein Hemd ohne Krawatte. In diesem Punkt ist Kiesinger kategorisch: «Tragen Sie nie, ich wiederhole, nie eine Krawatte mit heruntergeschobenem Knoten über einem offenen Hemdkragen! Das sieht nicht lässig aus, sondern ungepflegt.» Das heisst, George Clooney würde man so etwas vielleicht verzeihen, weil ihm auch ein Kartoffelsack gut stehen würde. Wer dies nicht von sich behaupten kann, sollte auf Bettina Kiesinger hören.

Bettina Kiesinger weiss, was sich Männer wünschen: ein gut sitzendes Hemd.

Bettina Kiesinger weiss, was sich Männer wünschen: ein gut sitzendes Hemd.
http://www.coopzeitung.ch/19637930 Bettina Kiesinger weiss, was sich Männer wünschen: ein gut sitzendes Hemd.
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In der Freizeit gibt es keine Vorschriften.»

Bettina Kiesinger, Fachfrau für Herrenoberbekleidung

Im Freizeitbereich ist die Fachfrau dafür viel weniger streng: «Da gibt es keine Kleidervorschriften.» Man darf die Ärmel ungeniert hochkrempeln, die Krawatte weglassen und mit gewagteren Farben und Mustern experimentieren. Auch das Hemd über der Hose ist erlaubt bei sportlichen Modellen oder Leinenhemden im Sommer. «Die Button-down-Kragenform zum Beispiel ist ein klassisches Freizeithemd, das immer gut aussieht.»

Und wie viele Hemden braucht ein Mann? «Die Anzahl sollte auf den Zugang zur Waschmaschine und die Wäschefrequenz abgestimmt werden», erklärt Bettina Kiesinger. Wer also jeden Tag eins trägt, braucht so viele Hemden wie die Tage zwischen zwei Waschtagen. Plus eins oder zwei als Reserve, falls man mal den Kaffee verschüttet. «Mindestens ein weisses Hemd, das schlipstauglich sein sollte, ist unerlässlich. Auch für Männer, die keinen Schlips tragen.» Das ist für die Fachfrau in jedem Fall ein Muss. Ein Notvorrat sozusagen, falls man unerwartet eine offizielle Einladung erhält. Wie der oberste Hemdknopf ist diese Skala nach oben offen, denn: «Ein paar Hemden zusätzlich haben noch niemandem geschadet!»

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Kent-Kragen»

Mit einem Kent-Kragen kann man nicht viel falsch machen, zu ihm passt alles: jeder Krawattenknoten, sogar eine Fliege. Und er sieht zum Business-Anzug genauso gut aus wie zu einer Lederjacke. Den Namen hat der Kragen von George, dem Herzog von Kent, der in den 1930er-Jahren nach einer Form gesucht haben soll, die gut zu einem doppelten Windsor-Knoten passt.

 

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Haifischkragen»

Dieser Kragen strahlt eine nonchalante Eleganz aus. Der Haifisch liegt im Trend und wird immer öfter zu Business-Anzügen getragen. Seinen Namen hat er bekommen, weil er aussieht, als hätte der Raubfisch ein Stück herausgebissen. Dazu passt eine grössere Krawatte und ein Windsor-Knoten – oder gleich ein doppelter. 

 

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Tab-Kragen»

Das englische Wort Tab bedeutet auf Deutsch Schlaufe oder Streifen. Man kann diese Schlaufe mit einem Extraknopf öffnen. Sie dient dazu, den Krawattenknopf anzuheben und so optimal zur Geltung zu bringen. Was sehr elegant und akkurat wirkt. Hier passt ein kleiner Knoten besser, weil die Kragen-spitzen eng beieinanderliegen.

 

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Button-down-Kragen»

Den Kragen mit den Knöpfen haben Sportler erfunden. Polo-Spieler störten sich an ihren flatternden Hemdkragen beim Reiten. Als Lösung bot sich eine Befestigung mittels Knöpfen an. Dieser Kragen wird vor allem in der Freizeit getragen, selten mit Krawatte oder zu einem Anzug. Mit einem lässigen Jackett passt er aber gut zu Jeans.

 

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Kläppchen-Kragen»

Ein Stehkragen, dessen Spitzen vorne heruntergeklappt werden. Man trägt ihn ausschliesslich zu festlichen Anlässen. Dazu passen ein Smoking, ein Frack oder Cutaway. Ein Kläppchen-Kragen wird immer mit einer Fliege kombiniert oder mit einem sogenannten Plastron, das ist ein Krawattenschal.

 

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Der Vatermörder»

Er stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird bei sehr feierlichen Anlässen zu einem Frack oder Smoking getragen, kombiniert mit einer Fliege oder einem Plastron. Karl Lagerfeld sieht man nicht so oft mit einem Vatermörder, wie gemeinhin angenommen. Oft sind es nur sehr hoch geschnittene, steife Kragen. Er hält sich an die Maxime, dass man ab einem gewissen Alter den Hals nicht mehr zeigt.

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Katalin Vereb

Redaktorin, Kolumnistin

Illustration:
Frank Nikol
Foto:
Heiner H. Schmitt, Reuters, dallasnews
Veröffentlicht:
Montag 15.12.2014, 15:01 Uhr

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