Geheimsprache

Schreiber drückt sich zwischen den Zeilen aus.

Sybil Schreiber: Schneider meint, ich würde mich unklar ausdrücken.
Unsinn! Er muss bloss auf die feinen Töne hören! Ein ‹pah!› bedeutet etwas anderes als ein ‹hhhmmm› oder ein ‹oooch›. Ist doch klar.
Erstaunlich eigentlich, dass er sich mit meinen Lauten so schwer tut, denn die Kunst, im einsilbigen Bereich zu kommunizieren, beherrschen Männer doch perfekt. Da fällt mir eine Situation ein: Kürzlich traf Schneider in Urnäsch nach einer Lesung einen ihm bekannten Appenzeller. Dieser trat auf Schneider zu, um ihn zu begrüssen, wie man das unter Bekannten eben so macht.
Und das ging so:
Der Mann reichte Schneider schweigend die Hand. Schneider drückte sie und die beiden standen da, Hand in Hand, bis Schneider endlich den Mund öffnete: «So!»
Der andere schwieg noch ein bisschen länger. Wahrscheinlich musste er nachdenken, was er auf diese kluge Eröffnung antworten könnte. Dann, nach einer endlosen Zeit, sprudelte es aus ihm he-
raus: «Wills Gott!»
Tja, das wars. Sie blickten einander noch ein wenig an, lösten die Hände und gingen wieder ihrer Wege.
Ich war sprachlos.
Wie kommt es, dass Schneider wortarme Männer versteht, aber nicht seine lautmalende Frau?

Steven Schneider: Ich bin zurück aus Norwegen, wir feiern Wiedersehen im Schlafzimmer und geniessen es, einander nah zu sein.
Schreiber wendet sich mir verliebt zu und sagt: «Jetzt sind wir schon lange ein Paar, aber noch nie hatte ich das Gefühl von ‹ohhhmmmm›.»
Sie macht ein brummendes Geräusch.
Ich spitze die Ohren. Was bedeutet ‹ohhhmmmm›? Schon fährt sie fort: «Natürlich dachte ich schon ein paar Mal ‹hhhmmm›, das ist ja klar.»
Ach, ja? Klar ist mir einzig, dass sie diesen Laut beinahe singt, doch verstehen tu ich nichts. «Das ist schön», antworte ich deshalb und frage vorsichtig: «Wo genau liegt der Unterschied zwischen ‹Ohm› und ‹Hm›?»
«Du betonst völlig falsch. ‹Ohhhmmmm› bedeutet, dass ich noch nie an Trennung gedacht habe.»
Ohhh!
«Weisst du, ‹ohhhmmmm› drückt aus, dass ich noch nie dachte, du seist mir zu viel, oder: ‹Was mach ich hier in dieser Beziehung›, oder: ‹Ich habe genug›!»
Hm!
«Aber ‹hhhmmm›, das heisst, es ist zwar längst nicht alles hui, und dass du mir schon auch auf die Nerven gehst und so, aber mehr eben nicht. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Verstehst du das?»
«Öhhhm!»
Sie strahlt mich an. Ich habe wohl den richtigen Ton getroffen.

(Coopzeitung Nr. 03/2012)

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Priska Blunschi
Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 16.01.2012, 13:13 Uhr

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