Lehrer vs. Schülerin

Er unterrichtet sie – was nicht einfach ist.

Sybil Schreiber: Ich neige dazu, mich in meine Lehrer zu verlieben. Das hat bei mir Tradition: Da war der Mathe-Referendar im St. Anna-Gymnasium in München, in den sich unsere komplette Mädchenklasse verguckt hatte, weil er der einzige Lehrer mit langen Haaren war und wir ihn duzen durften. Damals fand ich Mathematik sogar interessant und hatte untypisch gute Noten. Später an der Schauspielschule in New York beeindruckte mich mein ehrgeiziger Regie-Lehrer, was vielleicht auch daran lag, dass er mit Al Pacino befreundet war. Dann gabs da noch den Klavierlehrer mit den schönen Händen und den Kursleiter auf der Redaktion, von dem ich die Kunst des Redigierens lernte.
Ich habe jeweils still in mich hinein geschmachtet und von meiner Wonne profitiert: Denn Liebe ist ein gutes Lehrmittel. Jetzt sitze ich im Hirschli in Bad Zurzach und schmachte meinen Mann an, der uns Kursteilnehmerinnen die Faszination der Sprachbilder im Text vermittelt. Da ich Schneider – im Gegensatz zu meinen früheren Lehrern – nicht mehr erobern muss, will ich ihn wenigstens beeindrucken und diskutiere leidenschaftlich mit.
Bis er leicht verärgert meint: «Kannst du bitte auch mal die anderen zu Wort kommen lassen?»

Steven Schneider: Ich habe mich als Bub ständig gefragt, wie man Lehrer werden kann: Kinder mit Mathe schikanieren, mit Hausaufgaben quälen, mit französischer Grammatik peinigen und ihnen die Kindheit vermiesen.
Dieses Martyrium konnte nur gesteigert werden, wenn der eigene Vater der Lehrer war, so wie bei einigen Buben in unserem Dorf. Schrecklich! Allerdings wurde ich dann erstaunlicherweise selber Lehrer. Das Unterrichten machte mir Spass und ich achtete darauf, keinem die Jugend zu versauen. Nach einer Weile sattelte ich um und wurde Journalist. Was vielleicht auch damit zusammenhing, dass dort Anerkennung und Arbeit nah beieinanderliegen: Jeden Tag steht schwarz auf weiss in der Zeitung, was man geleistet hat. Als Lehrer habe ich zum Teil erst Jahre später gehört: «Toll, was Sie da mit uns gemacht haben!» oder «Ich habe mich wohlgefühlt.» Nun bin ich aber wieder Lehrer, zumindest ab und zu, und stehe vor interessanten Frauen, die im Kurslokal im Hirschli eine Lebensgeschichte schreiben. Ich spreche über Bilder in der Biografie, und alles wäre geritzt, wenn da nicht eine besondere Schülerin sitzen würde, die mich irritiert: blond, forscher Blick, kommunikativ und vorlaut. Meine Frau.

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Stefan Kempf

Online-Redaktor / Mediamatiker

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 23.01.2012, 15:23 Uhr

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