Spielstunde am Morgen: Jonas Jonasson mit seiner Katze Molotov, die er nach der Katze seines Helden Allan Karlsson benannt hat.

Jonas Jonasson: «Die Schweiz ist inspirierend»

Persönlich. Jonas Jonasson erobert mit seinem Erstling «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» die Bestsellerlisten. Der schwedische Schriftsteller über das Leben im Tessin, seine Tiere und zu viel Arbeit.

Coopzeitung: Was tun Sie an einem typischen Tag nach dem Frühstück?
Jonas Jonasson: Ich bringe meinen Sohn Jonatan in den Kindergarten. Dann erledige ich meine Arbeit, schreibe E-Mails oder telefoniere. Zwischendurch schaut auch meine Katze Molotov vorbei und will spielen.

Und wann schreiben Sie Ihre Geschichten?
Auch am Morgen, das ist die beste Zeit dafür, wenn man noch frisch ist, zwischen neun und zwölf. Aber man hat die Geschichten ja immer im Kopf. Wenn ich in den Hühnerstall gehe, denke ich auch über meine Geschichte nach. Die Lösung für ein Problem beim Schreiben findet man überall.

Sind Sie gerne im Hühnerstall?
Ja, das gibt mir Energie! Wir haben 14 Tiere. Sie brauchen etwas zu essen, etwas zu trinken. Ich lasse sie am Morgen hinaus und abends wieder ins Hühnerhaus.

Sie sind also Hausmann.
Ja, nach einer tragischen Scheidung lebe ich allein mit meinem Sohn. Doch die gute Seite daran ist, dass ich nicht einem normalen Beruf nachgehe. Ich hatte also vom ersten Tag an alle Zeit für ihn, die er brauchte. Ich habe seine Windeln gewechselt, ihm Frühstück gemacht. Meine Babysitterin sagt, dass ich ein guter Vater bin – und eine gute Mutter.

Ihren Bestseller konnten Sie erst in der Schweiz fertig schreiben.
Ich bin 2007 nach Ponte Tresa im Tessin gezogen. Meine Wohnung dort habe ich immer noch. Doch für meinen Sohn war es das Beste, wieder nach Schweden zurück- zukehren. Aber wenn es die Schweizer Palmen nicht gegeben hätte, wäre das Buch wohl nie fertig geworden. Auch der wunderschöne Luganersee ist sicher zur Hälfte der Gund dafür, warum es dieses Buch gibt. Und ich habe auch immer gern bei Coop eingekauft (lacht). Ich habe meinen Helden, Allan Karlsson erfunden, als ich noch in Schweden lebte. Aber er ist erst in der Schweiz zu dem geworden, was er ist. Also ist seine Persönlichkeit auch schweizerisch.

Ist die Schweiz inspirierend?
Ja. Und ich habe erst in der Schweiz realisiert, dass ich eine neue Identität brauche. Ich hatte ja meine Medien-Consulting-Firma in Schweden verkauft und musste keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen. Ich habe seit dem Jahr 2000 an dem Buch gearbeitet. Und ich wollte eine neue Identität, das war auch ein Grund, warum ich das Buch schliesslich beendet habe. Damit ich sagen konnte: Ich bin Schriftsteller.

Ist es denn so wichtig, dass man einen Beruf hat? Sie hatten ja eine Firma aufgebaut und mussten keinem etwas beweisen.
Ich weiss. Aber für mich war das trotzdem ein Problem. Meine Nachbarn im Tessin haben mich zum Beispiel gefragt, was ich arbeite. Ich habe geantwortet: «Äh, nicht viel, eigentlich gar nichts.» Das kam nicht gut an. Dann habe ich also in einem anderen Gespräch erzählt, ich sei Schriftsteller. Mein Gegenüber war sofort begeistert: «Wirklich? Gibt es ihr Buch auch auf Italienisch?» Ich musste zugeben: «Nein, noch nicht mal auf Schwedisch.» Da habe ich mich also in einer Sekunde von einer interessanten Person in einen Clown verwandelt (lacht).

Haben Sie etwas gemeinsam mit Ihrem Helden Allan Karlsson?
Er ist kein einfacher Held. Wir lieben ihn, aber gleichzeitig ist er eine gefährliche Person. Er ist ein politischer Idiot und wenn wir alle so wären wie er, gnade uns Gott! In jungen Jahren war ich aber ähnlich sorglos wie er. Doch während ich viel zu viel gearbeitet habe für viel zu lange Zeit, habe ich das verloren. Ich fing an, mir immer mehr Sorgen zu machen. Dann bin ich krank geworden, weil ich mir nur noch Sorgen gemacht habe.

Die Botschaft Ihres Buches?
Ich will dem Leser nicht vorschreiben, was er darüber denken soll. Das letzte Jahrhundert war eines der schlimmsten, was Kriege und Opfer von Konflikten betrifft. Ich möchte den Leuten Hoffnung machen. Wir sollten nicht alles in Schwarz und Weiss sehen, sondern mehr in Grautönen. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist ein Beispiel dafür. Amos Oz hat mit «Wie man einen Fanatiker kuriert» ein gutes Buch dazu geschrieben. Man braucht auch Humor, um einen Konflikt zu lösen. Allan Karlsson würde wohl hinzufügen: und eine Flasche Wodka.

Machen Sie sich jetzt weniger Sorgen als früher?
Wenn ich mir heute Sorgen mache, ist Allan Karlsson bei mir. Es ist ein wenig seltsam, ich nenne ihn Allan und er mich Herr Jonasson. Er fragt zum Beispiel: «Herr Jonasson, was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn du vergessen hast, den Hühnerstall abzuschliessen?» Und ich antworte: «Der Fuchs könnte sie holen!» Dann sagt er: «Ja, aber du kannst jetzt nichts dagegen tun, du bist weit weg vom Hühnerstall. Stimmts?» «Stimmt.» «Also, mach dir keine Sorgen, das nützt nämlich nichts.» So hilft er mir.

Jonas Jonasson

Geburtsdatum: 6. Juli 1961
Wohnort: Schweden
Privat: Geschieden, lebt allein mit seinem Sohn Jonatan (4).
Laufbahn: Jonas Jonasson begann seine Karriere als Journalist und arbeitete 20 Jahre in der Medienbranche in Schweden. 2007 zog er ins Tessin, wo er «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» fertig schrieb.
Aktuell: Mit seinem Debütroman landete er 2010 einen Bestseller in Schweden. Jetzt ist sein Buch auch in Deutschland auf Platz eins, in der Schweiz in den Top Ten. Tendenz: aufsteigend.

Weitere Antworten von Jonas Jonasson

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
«Wie man einen Fanatiker kuriert» von Amos Oz.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
«Der brave Soldat Schwejk» aus dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Hašek.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Jeden, der tolerant und ehrlich ist.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
«The Blues Brothers» aus dem Jahr 1980. Zum 10. Mal? Er macht mich immer glücklich.

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
«The Blues Brothers», zum 11. Mal.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Ich weiss nicht ... Lawrence von Arabien war ein cooler Typ.

Was für Musik hören Sie gerade?
Ich bin gerade in Opernlaune. Heute ist es Puccini.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Weil Sie mich heute fragen: bestimmt eine Sammlung von Opern.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Hmm, lieber mit einem Sportler. Ein Bier zusammen mit Roger Federer und Björn Borg? Ich zahle!

Was kochen Sie selbst?
Ein schönes Stück Rindsfilet (drei Minuten auf jeder Seite) und dazu Salat.

Ihre Lieblingsspeise?
Das hängt ab von meiner jeweiligen Laune. Kürzlich hatte ich Fasan. Das war grossartig.

Ihr Lieblingsgetränk?
Das Leitungswasser der Schweiz!

Mit wem würden Sie am liebsten essen gehen?
Schon wieder «Hmm». Vielleicht mit Präsident Obama? Um ihn zu fragen, was er vorhat zu tun, um sich den Friedensnobelpreis zu verdienen, den er seltsamerweise schon bekommen hat.

Und wo würden Sie gern mit ihm essen?
Im Weissen Haus.

Mac oder PC?
Mac, Mac, Mac!

Auto oder Zug?
Auto. Ich vermisse meinen Schweizer Lexus. Ich habe in Schweden einen Hyundai gekauft. Das war keine gute Idee.

Wein oder Bier?
Wein zum Essen, sonst Bier.

Pasta oder Fondue?
Pasta.

Joggen oder Walken?
Taxi.

Berge oder Meer?
Berge.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Heute Morgen, als ich meinen Sohn umarmt habe, nach einem völlig sinnlosen Wortwechsel.

Was bringt Sie zum Lachen?
Alles, was mit John Cleese zu tun hat.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Eine Katze (unabhängig und cool).

Wovon träumen Sie?
Meinen zweiten Roman zu beenden.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Zu lieben und geliebt zu werden.

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Katalin Vereb

Redaktorin, Kolumnistin



Foto:
Stig Hammarstedt
Veröffentlicht:
Donnerstag 26.01.2012, 16:41 Uhr

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