Prima! Kinder führen statt erziehen

Kleine Kinder brauchen in der Erziehung vor allem viel Zuwendung und Fürsorge – und gute Vorbilder. Doch keine Sorge: Die meisten Eltern machen intuitiv vieles richtig.

Wann beginnt die Kindererziehung? Die Antwort lautet: im Prinzip schon gleich nach der Geburt. Das heisst aber nicht, dass man bereits Babys Gehorsam und Disziplin beibringen muss. Überhaupt sei das eine veraltete Auffassung von Erziehung, meint die Psychologin Jacomine Lindblom (47), die eine Plattform für Erziehungsberatung betreibt und beim Elternportal swissmom.ch arbeitet. «Heute sprechen wir von Führung. Damit wollen wir sagen, dass wir das Kind bei der Hand nehmen und es auf seinem Weg ins Erwachsenenleben begleiten.»

Der grösste Teil der Erziehung funktioniere über Vorbilder, sagt Lindblom: «Wie geht man innerhalb der Familie miteinander um? Wie spricht man miteinander? Solche Dinge kriegt ein Kind von Anfang an mit, und daran wird es sich später orientieren.» Ähnlich formuliert es Caroline Märki (44), Erwachsenenbildnerin und Leiterin von familylab.ch: «Kleine Kinder brauchen keine Erziehung im engeren Sinn, sie brauchen eine empathische Begleitung. Kinder kopieren das Verhalten von nahestehenden Erwachsenen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul (66) formuliert es in einem Gespräch mit dem Spiegel so: «Erziehung findet zwischen den Zeilen statt.» Man könnte auch sagen: Reden ist gut, Vorleben ist besser.

Das Kind kennenlernen

Zur frühkindlichen Erziehung gehört, dass die Eltern dem Kind eine Struktur geben, einen geregelten Tagesablauf mit einem festen Schlafrhythmus. Rituale sind ein wichtiger Bestandteil dieser frühen Zeit. «Im ersten Jahr geht es vor allem darum, das Kind kennenzulernen, seine Bedürfnisse zu stillen und seine Entwicklungsschritte zu begleiten», sagt Sabine Brunner (48), Psychologin am Marie Meierhofer Institut in Zürich. «Und das Baby muss erleben können, dass jemand da ist. Es muss Fürsorge und Zuwendung erfahren.» 

Sobald das Kind mobil ist, fangen Eltern automatisch an, ihm gewisse Grenzen zu setzen. Denn für kleine Krabbelkinder ist die elterliche Wohnung nun mal ein grosser Abenteuerspielplatz: Da gibt es Blumentöpfe mit weicher Erde, die man sich herrlich ins Gesicht schmieren kann. Da stehen Regale voller Bücher, die man auf den Boden schmeissen kann, und lustige Geräte mit allerlei Knöpfen dran. Kinder möchten alles erforschen. «Eltern sollten die Umgebung so einrichten, dass sich das Kind mit möglichst wenig Einschränkungen bewegen kann», meint Sabine Brunner. «Ein Kind sollte auch experimentieren dürfen.» Will heissen: Das gute Porzellangeschirr und das Geschirrspülmittel gehören ausser Reichweite des Kindes, dafür darf es die Plastikteller aus der Schublade räumen. 

Das Wörtchen «Nein»

Bei aller Vorsicht: Ganz ohne Verbote und Grenzensetzen kommen Eltern nicht aus. Das Wörtchen «Nein» gehört wohl zu den frühesten Erziehungsmassnahmen, die Mütter und Väter instinktiv anwenden. Aber verstehen Kleinkinder die Bedeutung des Wortes überhaupt schon? «Intellektuell noch nicht», meint Jacomine Lindblom. Trotzdem sei es wichtig, dieses Nein tatsächlich auszusprechen. Denn ein Baby könne den emotionalen Ausdruck erkennen. Das Nein der Mutter klingt anders, wenn sie das Kind davon abhalten will, sie nochmals an den Haaren zu ziehen oder wenn es im Begriff ist, die heisse Herdplatte zu berühren. «Das Kind lernt zu unterscheiden, wann die Mutter erschrocken, wütend oder nur leicht verärgert ist.» 

Nach etwa einem Jahr kann man anfangen, einfache Regeln einzuführen. Dabei sollten Eltern aber immer den Entwicklungsstand ihres Kindes berücksichtigen. «Ein einjähriges Kind kann noch nicht schön essen, und es kann auch noch nicht lange ruhig am Tisch sitzen», erklärt Sabine Brunner. «Es ist daher unfair, dies von ihm zu verlangen.» Für Eltern sei es manchmal schwierig, die altersgerechten Bedürfnisse ihres Sohnes oder ihrer Tochter richtig einzuschätzen, auch, weil sich Kinder so unterschiedlich entwickeln. Ein regelmässiger Austausch mit anderen Eltern könne hier hilfreich sein. 

Was ist mir wichtig?

Grundsätzlich sollte man mit Regeln und Verboten massvoll umgehen, sonst sind Kinder leicht überfordert und hören nicht mehr zu. Wichtig sei, so Sabine Brunner, dass Eltern sich klar darüber sind, was ihnen wichtig sei. «Manchen Eltern macht eine Schmiererei am Tisch nicht so viel aus, andere ärgern sich sehr darüber. Hier muss jeder selbst wissen, wo seine Grenzen sind. Erst dann kann man dem Kind klar mitteilen: Es reicht jetzt, das ertrage ich nicht mehr.» Auch Caroline Märki erachtet eine klare Haltung vonseiten der Eltern als wichtig: «Kinder brauchen Eltern wie Leuchttürme, die klare Signale geben.» 

Erziehungsberaterin Jacomine Lindblom fordert die Eltern auf, mehr auf ihr Bauchgefühl zu hören. «Heute wird sehr viel über Erziehung geschrieben. Da steigt auch der Druck auf die Eltern, und sie vergessen, was ihnen selbst wichtig ist. Dabei würden die meisten Eltern intuitiv vieles richtig machen.» Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern sei, ergänzt Sabine Brunner, selbst mehr Gelassenheit zu entwickeln. Insofern sei Kindererziehung zu einem grossen Teil immer auch Elternerziehung.

Babys ohne Windeln?

Kinder lernen im Lauf der ersten Lebensjahre ihre Hände zu ge-brauchen, zu gehen und zu sprechen, die einen etwas früher, die anderen später. Das gilt auch fürs Trockenwerden: Die meis-ten Kinder würden im dritten oder vierten Lebensjahr trocken, so der Zürcher Kinderarzt Remo Largo in «Babyjahre». Darin beschreibt er auch das Phänomen, dass Säuglinge durch Laute und Bewegungen ankünden, dass sie «mal müssen». «Weil wir aber darauf nicht reagieren, verliert sich das Verhalten.»

Die Anhänger der sogenannten Windelfrei-Theorie sind überzeugt, dass Babys (fast) ohne Windeln aufwachsen können. Es geht dabei nicht um «Topftraining», sondern darum, die Signale der Babys zu erkennen und zu deuten. Eine der ersten, die sich hierzulande diesem Thema annahm, ist die Buchautorin Rita Messmer («Ihr Baby kann’s!»). Sie stützt sich auf die Annahme, dass es für jeden Entwicklungsschritt eine bestimmte Phase gibt, in der das Kind reif ist, eine Fähigkeit unbewusst zu erwerben. Verpasst man dieses Zeitfenster, muss es sich die Fähigkeit später bewusst und mühsam aneignen. Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori sprach in diesem Zusammenhang von «sensiblen Phasen».

Schritt für Schritt: Was Ihr Kind in welchem Alter lernt

5 Monate: Greifen. Alles wird spielerisch untersucht, angeschaut, angefasst, in den Mund gesteckt.

6 Monate: Kriechen, robben, rollen und krabbeln.

1 Jahr: Das Baby wird zum Kleinkind und beginnt zu gehen.

2 Jahre: Bildung erster Zwei- und Drei-Wort-Sätze.

3 Jahre: Ball werfen und schiessen. Beidbeinig von einer Treppenstufe hüpfen. Kurz auf einem Bein stehen.

4 Jahre: Nachts nicht mehr ins Bett machen. Basteln, Geschichten erzählen.

5 Jahre: Bewusstsein für das eigene Geschlecht. Der eigenen Geschlechterrolle nacheifern.

1957 gründete die Kinderärztin und Fachärztin für Kinderpsychiatrie, Marie Melerhofer (1909 bis 1998), in Zürich das «Institut für Psychohygiene im Kindesalter». 1978 wird es in «Marie Meierhofer Institut für das Kind» umbenannt. Es engagiert sich in der Beurteilung von Krippen sowie der Aus- und Weiterbildung von Krippenleiterinnen und -leitern.
Marie Meierhofer-Institut für das Kind (MMI) »

Familylab ist eine internationale Organisation, die 2004 vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul ins Leben gerufen wurde. Sie richtet sich an Eltern, Lehrpersonen und Unternehmen.
Familylab » 

Auf der Online-Plattform von swiss-mom finden Eltern umfassende Informationen zu Schwangerschaft und Geburt, Babys und Kleinkindern. Im Forum können sie sich zudem austauschen.
Swissmom » 

Rita Messmer »

Erziehungsberatung von Jacomine Lindblom »

Frage der Woche

«

Ist das Erziehen von Kindern heute schwieriger?»

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Text:
Béatrice Koch
Foto:
Karin Widmer
Veröffentlicht:
Montag 23.02.2015, 18:13 Uhr

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