Ewige Vorsätze

Sie: Zurück auf Start – welch’ befreiendes Gefühl. Alles, was ich letztes Jahr nicht erreicht habe, kann ich nun locker löschen. Meine Vorsatz-Festplatte programmiere ich einfach neu mit meinen Versäumnissen vom Vorjahr. Irgendwann muss es ja klappen.

«Und du glaubst, dass du deine Vorsätze umsetzen kannst?», fragt mich Schneider.
«Diesmal schon.»
«So wie immer?»

«

Ich bin in einer ausweglosen Situation.»

Der spöttische Unterton in Schneiders Frage entgeht mir nicht. Ich gebe es zu: Ich gehörte bisher zu den Leuten, die sich Vorsätze ausdenken, um ihr Gewissen zu beruhigen, und nicht, um sie umzusetzen. Sonst würde ich schon seit 1999 deutlich weniger Schokolade essen. Oder ich hätte garantiert ein halbes Dutzend Bestseller
geschrieben. Denn das sind die beiden Dinge, die ich mir Jahr für Jahr vornehme. Wobei das mit der Schokolade ja ganz schön knifflig ist. Schliesslich inspiriert sie mich ungemein. Und Inspiration wiederum ist extrem wichtig, um einen Bestseller zu schreiben. Also muss ich mindestens einen Vorsatz brechen, damit ich den anderen umsetzen kann. Das ist, ehrlich gesagt, eine ausweglose Situation.
Damit muss ich erst mal fertig werden.
Am besten mit einem Stückchen edler Schokolade, die mich vorsätzlich tröstet.

Er: Und du?», fragt mich Schreiber und blickt mich hoffnungsvoll an. Da ich nicht gleich antworte, stellt sie sofort die nächste Frage: «Oder hast du dir wieder mal keine Vorsätze vorgenommen?»«Doch, doch, dieses Jahr sogar mehrere.»
«Was? Und du hast nichts gesagt?»
«Ach, sie sind nicht der Rede wert.»
«Und ob die das sind! Es würde mich nämlich motivieren, wenn ich wüsste, dass auch du an deinen Vorsätzen herum- nagst!» Schreiber entrüstet sich richtiggehend. Und sie wird sich nicht beruhigen, wenn ich ihr sage, was ich mir für Vorsätze gemacht habe. Aus purer Solidarität übrigens. «Ich habe mir vorgenommen, 2016 viel an der frischen Luft zu sein und keine Auberginen zu essen.»
«Wie bitte? Du magst doch gar keine Auberginen.»

«

Meine Vorsätze? Nicht der Rede wert.»

«Eben.»
«Du bist ja eh schon jeden Morgen eine Stunde mit dem Hund draussen.»
«Genau.»
«Das ist doch keine Sache, solche Vorsätze umzusetzen!»
«Na ja, machen muss mans trotzdem», antworte ich.
«So was Blödes», sagt Schreiber verärgert. «Vorsätze dieser Art könnte ich mir locker auch vornehmen.»
«Und ich hätte für dich grad den passenden Vorschlag.»
«Ja?»
«Ja. Nimm dir vor, dieses Jahr kein Buch zu schreiben. Das schaffst du, da bin ich ganz zuversichtlich!»

 (Coopzeitung Nr. 01/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 04.01.2016, 00:00 Uhr

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