Primarlehrerin Janina Savio im handgefertigten Kostüm der Mangafigur Erza Scarlet.

Rollenspiel: Kostüme selber gemacht

An der Fantasy Basel werden bis zu 50 000 Comic-, Game- und Filmfans erwartet. Auch Janina Savio fiebert dem Event entgegen.

Janina Savio (28) steht vor dem Badezimmer-Spiegel. Sie kämmt das hüftlange Haar der Perücke auf ihrem Kopf sorgfältig. «Ist es hinten noch immer verstrubbelt?», fragt sie. Durch das Aufsetzen der Kunsthaare kopfüber sind gewisse Stellen der knallroten Haare zerzaust.

Nach einem letzten Kontrollblick in den Spiegel ist sie zufrieden. Sie trägt das Kostüm der Manga-Heldin Erza Scarlet. Die Figur verfügt über Zauberkraft, Rüstungen und Waffen aus einer anderen Dimension zu sich zu rufen. In einer Rüstung steckt auch Janina Savio: Ihre Schultern, Brust, Ellbogen, Arme und Hände sind gepanzert. Die Einzelteile bestehen aus Worbla, ein thermoplastischer Stoff, der sich durch Erhitzen verformen lässt. Rund 500 Stunden Arbeit sowie 500 Franken Materialkosten hat die Primarlehrerin aus Benken SG ins Kostüm investiert. Sie schnappt sich ihr Schwert, richtet ihre Rüstung und ist ready für das Fotoshooting.

Mila Superstar und Sailor Moon

Janina Savio hat ihre Rüstung in 500 Stunden Arbeit selber designt.

Janina Savio hat ihre Rüstung in 500 Stunden Arbeit selber designt.
http://www.coopzeitung.ch/Rollenspiel_+Kostueme+selber+gemacht Janina Savio hat ihre Rüstung in 500 Stunden Arbeit selber designt.

So wie Janina Savio schlüpfen auch andere gerne in Rollen von Manga-, Anime- oder Gamefiguren. Der aus Japan stammende Verkleidungstrend nennt sich Cosplay. Er setzt sich aus den englischen Begriffen «costume» und «play» zusammen. In der Stube erzählt Janina Savio in Shirt, Jeans und Kimono, wie sie zur Cosplayerin wurde: «Gepackt hat mich das Fieber vor fünf Jahren an der Japanimanganight.» Japanimangawas? Die Wortkoppelung betitelt einen Cosplay-Event, der damals in Winterthur stattfand. «Dort erlebte ich erstmals die Cosplay-Stimmung, sah die verkleideten Menschen und wusste: Das nächste Mal werde ich in einem eigenen Kostüm kommen!»

Bereits als Kind hatte Savio gerne Anime-Fernsehserien wie Mila Superstar, Sailor Moon, Kickers oder Dragon Ball geschaut. Nun tauchte sie abermals in die Manga- und Anime-Welt ein. Ihr Wille, etwas selber zu machen, war gross. «Ich würde nie ein Kostüm kaufen, das liesse mein Stolz nicht zu.» Dass die Mutter Handarbeitslehrerin ist, erleichterte das Vorhaben der 28-Jährigen.

Schnell war für Savio klar, dass sie gerne die Figur Erza Scarlet darstellen wollte. «Wir haben viele Parallelen», erzählt sie zu Klängen von Eros Ramazotti («Ich bin Italienerin, da stehe ich halt auf Italo-Pop!»). Wie Erza wurde auch Janina in ihrem Leben oft hinters Licht geführt und hat sich eine Rüstung zugelegt – wenn auch im übertragenen Sinne. Die Figur entstammt dem Manga Fairy Tail: «Bisher sind 57 Bände erschienen, aber ich besitze erst 40 Bücher.» Darin trägt Erza immer wieder neue Rüstungen, bisher waren es rund 20. Zwei hat Savio bereits nachgebastelt. Und sie hat noch lange nicht genug: Dereinst will sie alle Erza-Rüstungen erstellen.

«

Ich würde nie ein Kostüm kaufen, das liesse mein Stolz nicht zu.»

Janina Savio

Japan in der Schweiz 

Letztes Jahr waren viele als Erza verkleidet an der Japanimanganight. «Es war spannend, mit den anderen Frauen zu reden, sich über die Machart der Kostüme zu unterhalten», erzählt Savio. Da die Mehrzweckhalle Teuchelweiher in Winterthur nach 10 Jahren mit 6000 Besuchern ihre Kapazitätsgrenze erreicht hatte, zügelte die Messe 2015 nach Davos. Nun treffen sich die rund 10 000 Comic-, Game- und Filmfans dort im Mai im Kongresszentrum – just an dem Ort, wo anfangs Jahr Politiker, Experten und Journalisten am WEF über globalen Fragen und Lösungen brüten.
Am letzten Aprilwochenende steigt während drei Tagen zum dritten Mal die Fantasy Basel. «Wir erwarten rund 50 000 Besucher», sagt Veranstalter Martin Schorno. Die Hallenfläche in der Messe Basel wurde gegenüber dem Vorjahr um mehr als einen Drittel erweitert. Schorno: «Wir hätten für 2018 weitere Möglichkeiten, uns zu vergrössern; ein qualitatives Wachstum ist uns aber lieber als ein rein flächenmässiges.» 

Über die Ostertage versammelten sich die Cosplayer, Gamer und Anime-Fans der Romandie an der Polymanga in Montreux – im letzten Jahr verzeichnete die Messe über 40 000 Besucher. Anfang April konnten Interessierte und Verkleidete in Bellinzona in den Zauber Japans an der Japan Matsuri eintauchen. 

Auf den Inselstaat hat es Savio noch nicht geschafft: «Derzeit spare ich für eine längere Reise: Wenn schon, dann will ich richtig lange in Japan umherreisen.» Über ihr Lieblingsland kann sie sich mit Gleichgesinnten nicht nur an den Messen im In- und Ausland austauschen: Vor vier Jahren gründete Savio die Facebook-Gruppe «Cosplay Schweiz (inkl. Anime- und Mangafans)». Erst war die Gruppe öffentlich, aufgrund der vielen Spams wurde dies bald geändert. Die rund 1600 Mitglieder stammen aus der ganzen Schweiz und tauschen sich zu Kostümen, Messen und Japanischkursen aus. «Es gibt keinen Kantönligeist. Beim Cosplayen spielen Dialekte keine Rolle», sagt Savio. 

Übrigens herrscht an den Messen keine Verkleidungspflicht: «Man muss nicht im Kostüm, sondern kann auch in normaler Kleidung erscheinen. Schätzungsweise 20 Prozent der Besucher lieben es aber, für einen oder mehrere Tage im Kostüm eines Film- oder Gamecharakters zu kommen», erklärt Fantasy-Basel-Mann Schorno. Die Besucher gehören allen Altersklassen an: «Mittlerweile gibt es auch ältere Gamer.»

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Marvel ist Mainstream

Wie reagieren eigentlich Savios Schüler und deren Eltern auf ihr Hobby? «Ich habe schon japanische Trickfilme mit meinen Schülern geguckt», sagt sie, «einige sind bereits angefressen.» In ihrem Atelier stehen zwei Bücherregale gefüllt mit Mangas. «Die hier sind zwar Mainstream», sagt sie und zeigt in die rechte, obere Ecke. Die Marvel-Comics dort habe sie von der Nachhilfeschülerin erhalten. Sind diese in der Szene verpönt? «Nein, sie haben sicher viel dazu beigetragen, dass das Image von Comics und Trickfilmen besser geworden ist.» Savio überlegt kurz, dann hellt sich ihr Gesicht auf: «Ich will in Rollen schlüpfen, die japanische Künstler entwickelt haben. Damit ehre ich auch ihre Arbeit – sie haben es nämlich verdient, die Anerkennung für ihre Werke zu erhalten.»

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Carole Gröflin

Redaktorin

Foto:
Christoph Kaminski, zVg
Veröffentlicht:
Montag 17.04.2017, 16:00 Uhr

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