Valentins Erbe

Er bringt Hiebe und Liebe zusammen.

Sybil Schreiber: Wenn sich Schneider in ein Thema vertieft, dann bodenlos. Seit er sich für das Spätmittelalter interessiert, weil er der Psyche eines Henkers auf den Grund geht, erzählt er bei jeder Gelegenheit davon. Und wenn sie noch so unpassend ist. Ich schlage eine neue Seite im Album auf: Unsere Ferien am Bielersee ... «Die Richter wollten vermeiden, dass sich die Leute scheiden lassen», hebt er nun an, «meistens war Ehebruch der Grund für eine Trennung. Aber schon damals wusste man, dass die Ehe ein Verband mit mehreren Stricken ist. Ökonomischen, emotionalen und sexuellen. Wenn einer reisst, sind ja noch die anderen da.»
«Äh, und was hat das mit dem Henker zu tun?», frage ich. «Na ja, der arbeitete auch mit Stricken. Aber Hängen war sehr unbeliebt und auch unzuverlässig.» «Bitte keine Details.» «Wäre aber interessant, weisst du? Die sicherste und humanste Art der Hinrichtung jedenfalls war das Köpfen.» «KEINE DETAILS! HERRGOTTNOCHMAL!» Schneider lächelt: «Junge Liebe macht ebenfalls kopflos.» Ich hör wohl falsch: «Soll das lustig sein? Heute ist Valentinstag!»
«Genau. Valentin war ein christlicher Märtyrer. Der wurde auch geköpft.» «Weisst du was? Schenk mir nächstes Mal einfach Blumen.»

Steven Schneider: Blumen will Schreiber am Valentinstag keine. Sagt sie jedenfalls. Was sie stattdessen liebt: gemeinsam Fotoalben anschauen, durch vergangene Zeiten blättern. Das sei ihr lieber, statt Blütenblättern beim Welken zuzuschaun. Gott, waren wir jung damals. Auf einigen Bildern sind befreundete Paare zu sehen, die unterdessen geschiedene Leute sind. Gibts. Ist ja auch nicht einfach, so eine lebenslange Beziehung. «Weisst du, was im Mittelalter das Gegenmittel war, wenn zwei sich nicht mehr vertrugen?», frage ich Schreiber. «Och nee, bitte kein Mittelalter!» Sie mag es nicht sonderlich, wenn ich ihr von meinen Recherchen für ein Buch über einen Henker aus dem 15. Jahrhundert erzähle, aber das will ich loswerden: «Das ist wirklich interessant und keineswegs blutrünstig.» «Na gut.» Ich mache eine Pause, um die Spannung zu erhöhen, dann sage ich: «Der Richter sperrte die Scheidungswilligen in einen Raum ein, und als sie endlich auch zu essen bekamen, gabs nur einen einzigen Löffel dazu.» Schreiber schweigt. «Ist doch logisch: wenn beide satt werden wollten, mussten sie sich einigen.» Schreiber rümpft die Nase: «Was der Redewendung ‹Den Löffel abgeben› eine neue Dimension gibt!»

(Coopzeitung Nr. 07/2012)

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Stefan Kempf

Online-Redaktor / Mediamatiker

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 13.02.2012, 14:53 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Mägert Andrea antwortet vor 2 Monaten
Die Kündigung
Hiermit Kündige ich meine Coop ... 
Miguel de Antony y Maura antwortet vor 2 Monaten
Der längste Tag
Wie schon oft irrt sich Frau S ... 
Die Kroatin antwortet vor 2 Monaten
Schweizer Hymnen
Numme e so näbebii... die kroa ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?