Etwas stimmt hier nicht: Federkiele kratzen leise auf Pergamentpapier, Köpfe beugen sich über Schriften, wie man sie kaum mehr kennt. Doch die Köpfe gehören nicht irgendwelchen mittelalterlichen Mönchen, es sind nicht Schreibgelehrte, die kunstvoll Initialen kreieren. Im Turm zu Schwyz, einem mittelalterlichen Gebäude, sind die Schülerinnen und Schüler einer 5. Klasse mit Gänsekiel und selbst gebrauter Tinte zugange. Konzentriert erarbeiten sie sich Buchstaben für Buchstaben ein Stück Geschichte.
Der Ausflug in die Kunst des Schreibens und in die Anfänge der Schweiz beginnen sinnigerweise im Bundesbriefmuseum. Und man kann es ja mit dem Wahrheitsgehalt von Rütlischwur, den diversen Schlachten und Freiheitskriegen so oder so halten: Beim Anblick eines Dokuments, das vor 721 Jahren «in unsicheren Zeiten» mit unglaublicher Akribie auf ein Stück Pergament geschrieben wurde, überkommt einen so etwas wie Ehrfurcht. Erst recht, wenn die Museumspädagogin Vreni Bamert erklärt, wie so ein Dokument überhaupt zustande kommt. Dass man etwa ein Kalbsfell wochenlang bearbeiten musste, bis aus ihm ein Pergament, also das damalige «Papier» entstehen konnte. «Aus einem Kalbsfell konnten rund vier Seiten hergestellt werden – für ein Buch mit hundert Seiten mussten also etwa 25 Kälber sterben.» Pergament war ja nicht der Weisheit letzter Schluss, sonst gäbe es keine Tiere mehr oder keine Bücher. Darum ging Bamert auch auf Papyrus und Papier ein, das sich in unseren Breitengraden etwa im 14. Jahrhundert durchzusetzen begann und das Pergament im Laufe der Jahrhunderte ablöste.
Nicht nur die Kleinen bekommen beim Workshop «Initialen in der Buchmalerei» grosse Augen, auch Erwachsene kommen ins Staunen. Es hagelte Fragen zur Geschichte der Schweiz, zum Tintemachen und natürlich zum Schreiben. So ein Schreiber musste sechs Jahre in die Lehre, und wenn er gut war, konnte er etwa 180 Worte in der Stunde schreiben. Dafür waren die Dokumente der damaligen Zeit eigentliche Kunstwerke mit Schnörkeln, Verzierungen und Siegeln. Gute Tinte in jener Zeit bestand beispielsweise aus Galläpfeln, Wein, Gummi Arabicum, einer Art Harz aus Nordafrika. Die zwei Siegel auf dem Bundesbrief – das dritte ging verloren – ersetzen die Unterschriften. Lesen oder gar schreiben konnten die meisten der damaligen Eidgenossen noch nicht.
Die heutigen allerdings schon, und darum schreiben die Fünftklässler nicht gerade eine neue Bundesverfassung, aber eine Liebeserklärung an die Mutter (Caroline), einen Dankesbrief an den lieben Gott (Jan) oder eine Freundschaftsvereinbarung (die Mädchen der Klasse) – eigentlich auch alles wichtige Dokumente. Darum wird jedes Einzelne zusätzlich zur Unterschrift mit einem Siegel aus Bienenwachs beglaubigt. Nach zwei Stunden ist der Ausflug in die Geschichte des Schreibens, der Schweiz und der Dokumente vorbei – die Schüler können es kaum glauben. Und was hat es ihnen gebracht? «Es ist doch wahnsinnig spannend, was damals geschah – ohne diesen Bundesbrief etwa sähe die Schweiz heute vielleicht anders aus», meint Cyril. Und nein, einfach sei das mit diesen Königen und Kaisern für die einfachen Leute sicher nicht gewesen, fügt Dario an. Die meisten wollen bald selber einmal wieder ins Museum gehen. Doch der Höhepunkt des Nachmittags ist das Schreiben der Dokumente. Auch für Marcel. «Aber immer möchte ich das nicht machen – Traktorfahren auf jeden Fall ist einfacher.»