Er macht Theater

Schneider gockelt und Schreiber gackert

Sybil Schreiber: Unsere Ältere spielt in der Schule in einem Musical mit. So richtig mit Text, Kostümen und Proben. Ihre Rolle: Aphrodite, die Göttin der Schönheit. Die liegt im Wettstreit mit anderen Göttern. Jetzt hat sie erstmals ihr Textbuch nach Hause gebracht und liest uns daraus vor. Ich bin hingerissen.
Zudem wird meine Tochter ein Solo singen, was mich grad noch ein wenig stolzer macht. Still freue ich mich mit ihr, da schrecke ich auf: «Also, du kannst die Aphrodite als Tussi spielen, schau mal so ...» Schneider tänzelt mit angewinkelten Armen und wippenden Schultern durchs Wohnzimmer. «Oder du spielst sie souverän, schau, das wäre so ...». Er blickt uns hochnäsig an und macht einen Schmollmund. Dann schnappt er sich den Text und rezitiert: «Ich will schön sein für die Liebe.» Er fährt sich durch seine vermeintlich wunderbare Haarpracht und wippt mit seinen Traumhüften.
Wir werfen uns vor Lachen unter den Tisch, was Schneider anspornt, weiterzuspielen. Er posiert, stolziert, säuselt, und als ich merke, dass er sich ernsthaft als grosser Schauspieler sieht, frage ich meine Tochter prustend: «Meinst du, ihr habt noch eine Rolle für ihn? Als Narziss ist er perfekt.»

Steven Schneider: Grossartig, was unseren Kindern alles geboten wird: Hier an der Schule wird viel musiziert, gesungen, getanzt und gespielt, einfach famos! Dagegen bin ich geradezu in der kulturellen Einöde aufgewachsen: Gesungen haben wir zwar auch, aber noch mehr all jene ausgelacht, die beim Vorsingen versagten. Und in 15 Jahren als Schüler habe ich kein einziges Mal an einer Theateraufführung mitgespielt, weil ich stets zur falschen Zeit am falschen Ort war. Mist! Wie hätte mir das gefallen! Womöglich wären die Bühnen dieser Welt meine berufliche Heimat geworden!
Ganz anders hat das Schreiber erlebt, die in München aufgewachsen ist. Sie spielte als 14-Jährige in einer richtigen Kinoproduktion mit, als schöne «Aurelie» an der Seite von Mario Adorf. Gut, der Film war kein Brüller und auch ihre Ausbildung an der Schauspielschule in New York hat sie nicht zum Star gemacht. Trotzdem gibt sie unserer Tochter Tipps und behauptet, sie müsse die Rolle von innen her entwickeln.
Blödsinn!
Ich rufe ins Publikum: «Hach, nur die Schönheit zählt!», und dabei wird mir bewusst, dass ich wirklich meinen Beruf verfehlt habe, denn ich bin gut: Meine Zuschauer liegen alle lachend am Boden.

(Coopzeitung 11/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 12.03.2012, 10:25 Uhr

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