Er macht Theater

Zigmaliges Anziehen bis zum Ausziehen.

Steven Schneider: Schreiber hat eine schlimme Nacht hinter sich und bleibt am Morgen deshalb liegen. Kein Problem. Habe keine frühen Termine, übernehme es also, die Kinder für die Schule parat zu machen. Wobei – das meiste machen sie ja schon allein.
So bereite ich in der Küche das Frühstück vor. Die Ältere kommt pfeifend hinein, aber die Kleine lässt auf sich warten. Nach einigen Minuten gehe ich in ihr Zimmer. Sie sitzt auf dem Bett, ungekämmt, mehr schlafend als wach, hat eine Socke an und sagt: «Ich finde die andere nicht.»
Kein Problem, denke ich und suche. Ich finde unter Bett, Stuhl und Tisch drei weitere Einzelsocken, die vierte passt endlich. Kein Wunder, schimpft Schreiber über die Wäscheberge, denn unsere Kinder ziehen sich irgendwo aus, und wenn sie später nicht mehr wissen, wo das war, bedienen sie sich im Schrank mit frischen Kleidern.
Der Gedanke daran verschlechtert meine Laune im Nu. Ich werde ungeduldig, zerre Jeans und T-Shirts aus dem Schrank, drohe damit, den nächsten Europapark-Ausflug zu streichen, da tritt Schreiber mit fiebrigen Augen ins Zimmer. Sie hält meine Jogginghose in die Höhe und sagt: «Die lag übrigens bei dir hinterm Nachttisch!»

Sybil Schreiber: Weiterschlafen geht nicht, wenn Schneider in Fahrt ist. So ist das, wenn er mir anbietet, die Morgenrunde mit den Kindern zu übernehmen, damit ich mich besser kurieren kann! Bei dem Tamtam kann ich ja gleich aufstehen.
Ich höre ihn mit unserer Tochter schimpfen und ärgere mich doppelt: Zum einen über die Wucht seines Resonanzkörpers und den unmöglichen Zeitpunkt, erziehen zu wollen. Kurz vor Schulbeginn! Zum anderen ist aber doch was dran an seinem Ärger: Das Thema Kleiderberge steckt voller Frustpotenzial.
Was ich nicht alles wasche! Und zum Trocknen aufhänge. Dann bügle. Und in die Schränke versorge. Keiner, auch nicht Schneider, denkt beim Anziehen auch nur den Bruchteil einer Sekunde daran, wie viel Zeit ich investiert habe, bis das alles so schön im Schrank liegt.
Ich hieve mich aus dem Bett und klaube Schneiders Jogginghose hinterm Nachttisch als Beweis hervor. Wie war das mit unserer Vorbildfunktion?
Später telefoniere ich mit meiner Freundin in Zürich, die drei grosse Kinder hat. Auf meine Frage, wie denn sie das mit der Wäsche schaffe, winkt sie ab: «Reg dich nicht auf. Die Kinder ziehen sich auch bei uns zigmal um. Aber irgendwann ziehen sie dann ja aus.»

(Coopzeitung 12/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 16.03.2012, 10:28 Uhr

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