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Gestickte Landkarten der Erinnerung: Fanni Fetzer will durch zeitgenössische Kunst das Museumspublikum mit aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen konfrontieren.

Fanni Fetzer: «Gedächtnis für Generationen»

Persönlich. Fanni Fetzer hat vor knapp einem halben Jahr die Leitung des Kunstmuseums Luzern übernommen und präsentiert jetzt dem Publikum ihre erste Ausstellung.

Coopzeitung: Wer erstmals Ihren Namen sieht, hält ihn für einen Künstlernamen.
Fanni Fetzer: Das ist tatsächlich unser Familienname. Die Fetzer stammen aus der Nähe von Coburg in Bayern. Mein Ururgrossvater zog als Fotograf durch die Lande und blieb auf dem Rückweg von Italien in der Schweiz – wegen der Frau, die dann meine Ururgrossmutter wurde. Meine Eltern hatten eine Schwäche für altmodische Vornamen. Der Vorteil ist: Diesen Namen kann man sich gut merken.

Wurde das Interesse für die bildende Kunst auch von den Vorfahren geprägt?
Unsere Familie war eher literarisch und musikalisch interessiert. Ich habe aber gern gezeichnet und dachte lange, dass ich Künstlerin werde. Als ich den Vorkurs an der damaligen Kunstgewerbeschule in Zürich besuchte, habe ich über meine Aufgaben immer viel nachgedacht und geschrieben. Am Ende hatte ich dennoch kein Kunstwerk als Lösung. Also wechselte ich an die Universität und studierte Politikwissenschaft – Gesellschaft und Kunst haben mich gleichermassen interessiert. Als Studentin fing ich an, beim Kulturmagazin «Du» zu arbeiten, und dabei blieb ich auch nach dem Studium. Später ging ich ans Kunstmuseum Thun und lernte dort nochmals von Neuem.

Sie leiteten dann das Kunsthaus Langenthal. Und jetzt Luzern – ein grosser Sprung?
Der wichtigste Unterschied ist, dass es hier eine Sammlung hat. Und natürlich ist in Luzern alles grösser: Ausstellungsfläche und Budget, die Zahl der Projekte, Besucher und Mitarbeiter. Aber der Anteil des Geldes, das man selber auftreiben muss, ist prozentual in etwa gleich.

Wie entscheiden Sie, welche Kunst es wert ist, gezeigt und gesammelt zu werden?
Während Wechselausstellungen das Publikum mit der Aktualität konfrontieren, ist die Sammlung eine Art Gedächtnis, auch für kommende Generationen. Wir haben dazu ein klares Konzept: Der jeweilige Direktor darf aus seinen Ausstellungen Werke ankaufen und so die Geschichte des Hauses dokumentieren. Dann sammeln wir Zentralschweizer Künstlerinnen und Künstler von nationalem und internationalem Renommee sowie Kunst der 1970er-Jahre, da in jener Zeit der Ruf des Hauses geprägt wurde. Diese Werke sind heute aber so teuer, dass wir sie uns kaum noch leisten können. Dies gilt auch für den vierten Akzent, historische Werke der Zentralschweiz wie die von Robert Zünd.

Wie holen Sie in Konkurrenz zu anderen Kulturangeboten die Leute ins Museum?
Institutionen wie etwa das Lucerne Festival sind Konkurrenz, aber auch ein gutes Umfeld: Anders als in einem kleinen Ort fragt hier niemand, ob es überhaupt ein Kunstmuseum braucht. Aber wir müssen unser Angebot vermitteln. So erzählen wir beispielsweise zu den Tischtüchern in der aktuellen Ausstellung von  Kateřina Šedá viel über ihren Kontext: Sie sind in Tschechien entstanden, wo eine Autofabrik vor ein paar Jahren ein Dorf zerschnitten hat, geografisch wie sozial. Die Tischtücher sind Landkarten aus der Erinnerung der Dorfbewohner. Für die Präsentation suchten wir runde Tische, und nach einem Aufruf in den Medien bekamen wir weit über 100 Angebote. In der Ausstellung sind die Namen der Besitzer unten an den Tischplatten zu entdecken. Über solche Aktionen wecken wir Interesse für dieses Projekt und für unsere Ausstellung.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen für die Kunst neben Ihren Führungsaufgaben?
Von den acht Ausstellungen in diesem Jahr kuratiere ich drei selber, und diesen Rhythmus möchte ich gerne beibehalten, sonst würde es mich bald langweilen. Das Management interessiert mich nur, um die Kunst zu ermöglichen. Als Direktorin habe ich die Freiheit, das zu zeigen, was mich persönlich sehr berührt – das ist ein grosses Geschenk.

Was machen Sie, wenn sich für einmal nicht alles um die Kunst dreht?
Wenn ich frei habe, bin ich am liebsten in der Natur. Ich fahre Mountainbike, bin oft in den Bergen, zu Fuss und mit den Tourenski. Nach dem Bienenstock hier im Museum und den vielen Terminen brauche ich körperliche Anstrengung und Ruhe. Dann will ich in einer SAC-Hütte nicht über Kunst reden und lieber auf dem Holzfeuer eine Suppe kochen. Ich bin leidenschaftliche Pilzsammlerin, und meinem Lebenspartner, der mitten in der Stadt Zürich auf einem Flachdach Bienen hält, gehe ich beim Imkern zur Hand. Ich koche gerne und probiere als Vegetarierin Rezepte aus aller Welt aus. Wenn es nicht möglich ist, nach draussen zu gehen, lese ich viel, aber nur Klassiker der Weltliteratur – da bin ich so konservativ, wie ich mir mein Publikum im Museum niemals wünsche.

Fanni Fetzer

Beruf: Museumsdirektorin
Geburtsdatum: 15. Oktober 1974
Werdegang: Vorkurs an der Zürcher Hochschule der Künste, dann Studium der Politikwissenschaft an der Universität Zürich. 1998 bis 2004 Redaktorin beim Kulturmagazin «Du». Nach zwei Jahren am Kunstmuseum Thun ab 2006 Leiterin des Kunsthauses Langenthal. Seit 1. Oktober 2011 Direktorin des Kunstmuseums Luzern.
Auszeichnungen: Ihre kuratorische Tätigkeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem Preis für Kunstvermittlung der Eidgenössischen Kunstkommission. Ein von der Landis & Gyr-Stiftung verliehenes Werksemester verbrachte sie 2011 in London.
Aktuell: Die von ihr kuratierte Ausstellung «Talk to the sky ’cause the ground ain’t listening» ist eine umfassende Werkschau der tschechischen Künstlerin Kateřina Šedá (bis 17. Juni).
Link: www.kunstmuseumluzern.ch

Weitere Antworten von Fanni Fetzer

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?

“Wives and Daughters”, by Elizabeth Gaskell

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?

Robert Walsers Räuber

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?

Menschen, die intensiv leben und energisch ihre Projekte vorantreiben

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

„Don’t Look Now“ von Nicolas Roeg

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?

Lars von Triers „Geister“

Ihr Lieblings-Filmheld?

The Talented Mr. Ripley

Was für Musik hören Sie gerade?

Vogelgezwitscher im Innenhof

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?

Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?

Jojo Mayer, Drummer von “Nerve”

Was kochen Sie selbst?

Vegetarisch, scharf, saisonal, biologisch.

Ihre Lieblingsspeise?

Selbst eingemachter Tomatensugo vom letzten Sommer

Ihr Lieblingsgetränk?

Negroni

Mit wem essen Sie am liebsten?

Mit meinem Liebsten

Und wo essen Sie am liebsten?

An einem Tisch, auf der grünen Wiese oder auf einem Berggipfel, egal, Hauptsache nicht alleine

Mac oder PC?

Mac

Auto oder Zug?

Velo

Wein oder Bier?

Rotwein

Pasta oder Fondue?

Pasta

Joggen oder Walken?

Velo fahren

Berge oder Meer?

egal

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Bei der Beerdigung meiner Grossmutter, sie wurde fast 98 Jahre alt.

Wie bringt man Sie zum Lachen?

Kitzeln?

Welches Tier wären Sie am liebsten?

Eine Geiss

Wovon träumen Sie?

Ich träume nicht, ich schlafe tief.

Was ist für Sie das grösste Glück?

Wenn der Hefezopf im Ofen schön goldig wird und die ganze Wohnung fein nach Sonntag riecht.

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Martin Winkel

Redaktor



Foto:
Urs Flüeler
Veröffentlicht:
Montag 19.03.2012, 17:35 Uhr

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