Maître Schneider

Er kocht – und kocht, wenn das Publikum nicht spurt.

Sybil Schreiber: Schön, wenn Schneider kocht. Das liegt nicht allein am Duft seiner Bohnen, auch nicht am höllenlauten Radio, aus dem Hits tönen, die wir hörten, als wir noch nicht kochen konnten. Nein, es fällt vor allem wegen seiner Laune auf: Wenn Schneider kocht, pfeift er. Wenn er fertig gekocht hat, brüllt er: «ESSEN!» Sein Kommando brettert durch unser Holzhaus. Als ich mich sachte in Bewegung Richtung Küche setze, dröhnt schon der zweite Ruf: «ESSEN IST FERTIG!!!» «Ich habs gehöhört», flöte ich vom Gang zurück.

Was Schneider ­jedoch nicht höhört. Als ich ­gerade in die Küche komme, ruft er bereits zum dritten Mal genervt: «ESSEN HIMMELNOCHMAL!!!» Innerhalb von zwei Minuten hat er drei Mal gebrüllt. Jetzt ist er schlecht gelaunt. Schimpft, dass das Essen kalt würde, es stünde bereits ewig auf dem Tisch und überhaupt. Ich seufze und denke an all die Tage, an denen er zu spät kommt, die Kinder herumtrödeln und ausser Hund Lilla niemand erwartungsvoll nach Essen lechzt. Im Gegensatz zu Schneider mache ich jedoch keine Tragödie daraus. Nein, wenn ich koche, gibts einfach was zu essen. Wenn Schneider kocht, dann kocht er, wenn wir nicht gleich spuren.


Steven Schneider:
Schreiber schaut in die Küche und schreit: «Wann gibts Essen?» «Bald. Ich rufe euch», antworte ich schreiend. «Mach bitte die Tür wieder zu.» Aus dem Radio dröhnt «Black Magic Woman» von Carlos Santana und ich salze im Takt dazu die grünen Bohnen in der Pfanne. Diesmal habe ich einige Nuancen geändert, um den Geschmack zu optimieren: Sie dünsteten einen Tick länger in den klein geschnittenen Zwiebeln, bevor ich das Gemüse mit ­Wasser ablöschte. Und die gewürfelte Tomate ergänzte ich mit einem Teelöffel Tomatenmark und etwas Zucker. Raffiniert!

Ich entdecke wieder mein Talent als Koch, mein Traumberuf als 15-Jähriger. Was wäre aus mir ­geworden, hätte ich damals doch die Lehre im ­Mövenpick Zürich begonnen? Der Schweizer Jamie Oliver? Ein gefeierter Restaurantkritiker? Ach was, alte Geschichten. Umso schöner, dass die Hingabe fürs Kochen zurückkehrt. Das bedeutet nicht nur Zeit für mich, für meine Musik, für Düfte und Aromen, nein, das bedeutet auch aussergewöhnliche Gaumenfreuden für meine Familie. Einzige Bedingung: Man lässt mich in der Küche in Ruhe. Und erscheint pünktlich zum Essen. Und lobt meine Kochkunst. Ausgiebigst gefälligst.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 25.08.2011, 16:23 Uhr

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