Der halb verhungerte Kater verschlang das Futter gierig.

Das war knapp!

Ein kleiner Kater braucht dringend Hilfe. Er ist bewusstlos, schrecklich mager und dann setzt auch noch seine Atmung aus. Die Besitzerin möchte ihn unbedingt retten. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Die Kundin war völlig verzweifelt. «Machen Sie etwas!», flehte sie mich an. «Sie sind der zweite Tierarzt. Der erste wollte diese Katze einschläfern!» Die Besitzerin hatte ihr Haustier lange vermisst, schliesslich lag es in diesem Zustand vor ihrer Haustüre.

Eigentlich war ich gleicher Meinung wie mein Kollege. Ein unglaublich magerer Kater krümmte sich bewusstlos auf dem Käfigboden. Dann setzte seine Atmung aus. War er jetzt gestorben? Wir schauten etwas genauer hin. Plötzlich holte dieser magere Kater wieder Luft. Ein Zittern schüttelte den kleinen Körper. Ich überlegte. Was konnte der Kater nur für eine Krankheit haben? Wie magert man so stark ab? Ich legte die Todesspritze wieder hin und nahm stattdessen das Thermometer. Weniger als 32 Grad. Dieser Kater war also nicht nur unheimlich mager und ausgetrocknet, sondern auch unterkühlt. Mit Infusionen unter die Haut und Wärme versuchten wir, das wenige Leben in diesem Kater zu erhalten.

Immer wieder piekste ich seine Venen an, um etwas Blut zu gewinnen. Nach dem vierten Versuch hatte ich endlich genügend zusammen für eine Analyse. Wir liessen den Kater auf der Wärmematte an den Infusionen und rannten ins Labor. Er schien nicht krank zu sein, aber verhungert. Offensichtlich war er in einer Garage oder einem Keller eingesperrt gewesen, denn sein Blutbild war erstaunlich gut. Ich beeilte mich, vom Labor zurück zur Katze zu kommen. Da sass auf dem Behandlungstisch dieser kleine Kater und versuchte sich zu putzen. Das Infusionsbesteck steckte noch in seinem Rücken und an allen möglichen Orten war er geschoren worden, um Blut zu nehmen. Trotzdem versuchte er, stolz auszusehen!

Wir hielten ihm ein Schälchen Wasser hin. Etwas schwankend, aber überaus gierig trank er alles. Auch angebotenes Futter verschlang er innert Sekunden. Dann bettelte er um mehr. Es war ein junger unkastrierter Kater. Offensichtlich war ihm seine Neugierde zum Verhängnis geworden. Die nächsten drei Tage verbrachte der Kater damit, zu fressen. In regelmässigen Abständen erhielt er besonders gehaltvolle Nahrung. Doch selbst nach fünf Dosen Spezialfutter am Tag hatte er noch Hunger. Ich wusste nicht, wo er das Futter hintat, denn er war immer noch schrecklich mager. Aber er hörte auf zu schwanken und schnurrte stattdessen den ganzen Tag.

Als er kräftig genug war, gab ich ihn schliesslich der Besitzerin zurück. Sie musste ihn weiter auffüttern und später einmal seine Nierenwerte kontrollieren lassen. «Er ist dem Tod ganz knapp von der Schippe gesprungen. Wie viele Leben ihm jetzt wohl noch bleiben?», fragte ich. Der kleine Kater schnurrte zufrieden im Körbchen, wahrscheinlich hatte er noch viele.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Keystone
Veröffentlicht:
Donnerstag 29.03.2012, 13:54 Uhr

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