Der Prellbock

Er rammt sie, die nichts dafür kann.

Steven Schneider: Es ist Freitagabend. Mein Computer zeigt 17.26 Uhr an. Zeit, die Kiste auszumachen und ins Wochenende zu wechseln.
Ich freue mich: Heute Abend haben wir Gäste, morgen früh geh ich mit Alma in einen Afro-Trommelkurs, am Nachmittag drehe ich eine Runde im Ort, danach will ich noch im Garten arbeiten und am Radio Bundesliga hören.
Zum Schluss, schön verschwitzt, gibts ein kleines Bier zur Belohnung. Am Sonntag mache ich frühmorgens einen langen Spaziergang mit Lilla. Nachmittags begleite ich Ida Paulina an ihren Lieblingsort, einen stillgelegten Steinbruch, wo in den Wasserpfützen die Gelbbauchunken laichen.
Jedes Jahr nehmen wir einige junge Kaulquappen mit nach Hause und ziehen sie in einem Wasserbottich gross.
Das Leben ist schön.
Pling! Eine Mail. Ich schau mir den Absender an. Hm, ich hadere. Die Mail stammt von einem recht launischen Auftraggeber, der mir ab und zu das Leben schwer macht.
Zudem weiss ich aus Erfahrung: Mails, die am Freitagabend versendet werden, können einem das ganze Wochenende versauen. Aber vielleicht ist es diesmal anders?
Meine Neugier setzt sich durch. Ich öffne die Mail, lese – und sollte mich jetzt einfach nur ohrfeigen!

Sybil Schreiber: Ich stehe in der Küche und schneide eine Avocado klein, als Schneider nach Hause kommt. Etwas spät, finde ich, wir erwarten Gäste – und zudem sehe ich sofort, dass etwas nicht stimmt.
Schneider kann nicht verbergen, wenn er Ärger hatte.
«Alles in Ordnung?», frage ich sanft.
«Hm», knurrt er.
«Willst du reden?»
«Nein. Kann ich was tun?»
Er wäscht sich die Hände, mischt die Avocado mit der geräucherten Forelle, und während er eine Zitrone darüber auspresst, bricht es aus ihm heraus: «Zwei Wochen hatten die Zeit, auf meinen Text zu reagieren. Weil sie es nicht taten, dachte ich, alles sei bestens. Jetzt verlangen sie, ich müsse das Ganze umschreiben und bis Montag noch einmal liefern! Das Wochenende ist im Eimer!»
Ich bleibe ruhig. «Schieb das weg und geniesse jetzt den Feierabend», sage ich.
«Genau! Das regt mich am meisten auf! Freitagabend Bescheid geben! Das ist doch Absicht! Hab’ gleich bei denen angerufen, aber da nahm niemand ab!»
«Du kannst jetzt eh nichts ändern, beruhige dich», sage ich.
«Hör auf, das herunterzuspielen!», schimpft er. Als ob ich schuld wäre. Das Leben ist ungerecht, denke ich. Warum kriegen die Liebsten den Frust ab, den andere verdienten?

(Coopzeitung 15/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 09.04.2012, 00:00 Uhr

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