Pius Knüsel: «Kultur am Rande des Infarkts»

Persönlich. Die Anzahl Theater und Museen gehöre halbiert: so der Direktor der Pro Helvetia, Pius Knüsel, in einem umstrittenen Buch.

Coopzeitung: In Ihrem Essay «Der Kulturinfarkt» vertreten Sie die These, dass die Kultur am Rande des Infarkts steht. Wieso?
Pius Knüsel: Dieses Bild bezieht sich in erster Linie auf Deutschland. Die Finanzkrise und die staatliche Ausgabenbremse sorgen für Geldmangel, doch die Politiker wollen nicht entscheiden, welche Institutionen geschlossen und welche ge-stärkt werden sollen. Es wäre ohne Weiteres möglich, auf viele Theater und Museen zu verzichten, da in der Kultur das Angebot weit über die Nachfrage hinausgeht. Unser Buch – ich habe es mit drei deutschen Kollegen verfasst – versteht sich als Denkanstoss, das erstarrte System in Bewegung zu bringen.

Ein Grossteil Ihrer Gedanken und Vorschläge bezieht sich aber auf die Schweiz.
In der Schweiz sind die finanziellen Verhältnisse anders. Die Wirtschaft befindet sich in ruhigem Fahrwasser; der äussere Druck zur Schliessung von Theatern und Museen ist gering. Aber auch hier lohnt sich die Frage, wie viele Kultureinrichtungen wir wirklich brauchen. Wer sich mit Kulturpolitik befasst, muss auch bestehende Realitäten hinterfragen.

Bis anhin konnte es für die Kulturpolitik ja kaum genug Kultur geben.
Genau dieses Prinzip hat uns ja an den Rand des Kulturinfarkts gebracht. In den letzten Jahrzehnten ist das kulturelle Angebot in der Schweiz enorm gewachsen. In einigen Sektoren hat es sich verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht. In den 1960er-Jahren gab es in der ganzen Schweiz rund 300 Museen, heute sind es über 1000. Nicht wenige sind privat, fast alle aber beziehen staatliche Subventionen. Und es sind noch weitere Museen und Kulturzentren geplant. Insgesamt geht es um mindestens 600 Millionen Franken. Das gewünschte breite Kulturangebot ist bereits geschaffen; eine weitere Verdoppelung ist heute undenkbar.

Wieso undenkbar?
Weil das Publikum nicht mitwächst. Noch heute interessieren sich kaum mehr als 10 Prozent der Bevölkerung für Museen oder Theater der Hochkultur. Hierbei handelt es sich um eine Mittel- und Oberschichtselite, die von einem Kulturangebot profitiert, das auch von den weniger Begüterten subventioniert wird. Oft konkurrenzieren sich subventionierte Kultureinrichtungen in derselben Stadt.

Ihr Vorschlag für eine Halbierung der Anzahl Theater, Museen und anderer Kultureinrichtungen sorgte für einen Eklat.
Diese Idee ist in erster Linie ein Gedankenexperiment:  Wir fragen, ob die Kulturpolitik tatsächlich einer quantitativen Wachstumslogik folgen muss. Wir schlagen einen radikalen Kurswechsel vor: Zugunsten der Qualität ist das Angebot im Umfang zu reduzieren, der Wert der kulturellen Leiteinrichtungen ist dagegen zu stärken. Wir wollen nicht kürzen, sondern umverteilen
zugunsten des unabhängigen Sektors.

Nach Ihrer Meinung hat es keinen Sinn, kulturelle Einrichtungen zu unterstützen, deren Einnahmen nicht 30 Prozent des Budgets decken.
Dieser Prozentsatz ist als Richtgrösse zu verstehen – je nach Sektor können es auch 20 oder 50 Prozent sein. Ich bin allerdings überzeugt, dass eine gewisse Verankerung im Publikum notwendig ist, um die Existenz eines Kulturinstituts zu rechtfertigen. Wenn diese Basis fehlt, muss man prüfen, ob es einen stichhaltigen Grund für das Bestehen der betroffenen Einrichtung gibt, etwa, weil sie die einzige ihrer Art in der ganzen Schweiz ist.  

Müssen bei einem Abbau der Kultureinrichtungen nicht auch die Subventionen gekürzt werden?
Nein, sie sollen teilweise anders verwendet werden. Die staatliche Kulturförderung setzt auf eine Kulturindustrie, die am Gros der Bürger und vor allem an den Jungen fast spurlos vorübergeht. Inzwischen bilden sich neue Formen des Kulturaustauschs wie die «sozialen Medien» heraus, die immer breitere Bevölkerungskreise erreichen. Heute kommt die Kultur über das Internet direkt zu mir in die Stube, der Besuch eines Museums oder einer anderen grossen Kultureinrichtung ist weniger nötig. Dieser Trend zeichnet sich weltweit ab und wir müssen ihm Rechnung tragen.

Welche anderen Kulturbereiche sollten gefördert werden?
Die Kulturpolitik muss sich vermehrt zur Gesellschaft hinwenden und Veranstaltungen fördern, die auch für das breite Publikum interessant sind. Das Filmfestival von Locarno ist ein gutes Beispiel. Daneben muss die Laienkultur gefördert werden – ich denke etwa an Amateurtheater oder -chöre, die einen professionellen Leiter benötigen. Zudem muss in den Schulen eine multikulturelle Ausbildung erfolgen, um unserer Gesellschaft gerecht zu werden. Die Kultur der grossen Zuwanderergemeinschaften ist in der Schweiz heute kaum vertreten. Schliesslich brauchen wir Gründungshilfe für innovative Kulturunternehmer.

Ihr Buch hat heftige Diskussionen ausgelöst. In der Schweiz wurden sogar Rufe nach Ihrem Rücktritt laut. Haben Sie dies erwartet?
Diese Reaktionen waren absehbar. Wir haben ganz bewusst Tabus angetastet. Ich persönlich bin überzeugt, dass Pro Helvetia bei einer Umsetzung der Vorschläge sogar gestärkt würde.

Pius Knüsel

Geboren: 1957 in Cham ZG
Wohnort: Zürich
Zivilstand: in Partnerschaft
Ausbildung: studierte Literatur und Philosophie an der Universität Zürich.
Karriere: 1978 begann er als freier Journalist mit Schwerpunkt Musik-, Theater- und Literaturkritik. Zwischen 1985 und 1997 war er Kulturredaktor beim Schweizer Fernsehen und ab 1998 zuständig für das Kultursponsoring der Credit Suisse.
Aktuell: Seit 2002 Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia. Diese fördert die Kultur in der Schweiz und den Kulturaustausch mit dem Ausland. «Der Kulturinfarkt» ist bei Knaus erschienen.
Link: www.prohelvetia.ch

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Foto:
Georgios Kefalas
Veröffentlicht:
Freitag 27.04.2012, 18:27 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?