Personenkult

Schreiber wird jedes Jahr mehr verwöhnt. Mit allen Mitteln.

Steven Schneider: «Papi, weisst du, wann Vatertag ist?» Die Frage meiner kleinen Tochter erwischt mich, als ich grad einen Faden durch das Nadelöhr fädle, weil die Kleine etwas für Mama nähen will. Vermutlich sehe ich dabei recht unglücklich aus und Ida Paulina macht sich Sorgen um ihren vernachlässigten Papa. Denn seit Wochen gibt es in unserer Familie nur noch ein Thema: Mama und der Muttertag. Es wird in Mengen gebastelt und gezeichnet und – ganz neu – auch eingekauft: Süsses in beträchtlichem Masse, das es aber kaum bis zum Muttertag schafft, denn die Kinder degustieren grosszügig, ob das Zeug denn auch für Mama tauge. Gibt es einen Vatertag? Ich erinnere mich, dass ich es war, der den Muttertag zum höchsten Festtag machte: Als die Mädchen noch klein waren, war ich es, der mit ihnen im Verborgenen Schmuckkästchen bastelte, Brot buk, Fliedersträusse im Morgengrauen zusammenstellte. Unterdessen sind die Mädchen gewachsen und der Muttertag etwa so wichtig wie Heiligabend und Ostern zusammen. Meine Rolle ist nur noch jene des Assistenten, Lieferanten und Sponsors.
«Ich weiss, wann Vatertag ist», fährt meine Tochter aufmunternd fort, «jeder Tag ist Vatertag, ausser Muttertag.»

Sybil Schreiber: Seit Wochen darf ich nicht mehr in das Schlafzimmer unserer Piccolina. An der Türe hängt ein Schild: «Für Mama verboten!» Fehlt nur noch der Totenkopf. Ich muss also erst anklopfen, und wehe, ich nähere mich mit Staubsauger: «NEIN! NICHT!» schimpft sie. Ihr Zimmer ist ein Hochsicherheitstrakt, eine Geheimzone, ein Safe. Hin und wieder wage ich dennoch einen Blick hinein: Das Chaos ist beachtlich, der Holzboden nicht mehr zu sehen, dafür Berge von Papierschnipseln, Pinseln, Geschenkpapier. Meine grössere Tochter liess in den letzten Tagen Zitronen, Honig, Salz, Töpfchen und Löffel in ihrem Zimmer verschwinden. Warum? Weil der Muttertag ansteht. Was für meine Kinder ein Bastelmarathon ist. Sie entwickeln jedes Jahr neue Techniken, mit denen sie aus Kartonröhren, Eierschachteln oder alten Pullovern fantasievolle Dosen, Bilder, Figuren und Kissenbezüge zaubern. Die beiden sind aber auch Eventmanagerinnen: So bekam ich letztes Jahr eine grandiose Beauty-Behandlung bei Kerzenlicht im Bad. Ich hoffe, dass dies am kommenden Sonntag wiederholt wird. Damit ich fit bin für den Tag danach: Denn dann sind die Sperrzonen zugänglich und mein Putzmarathon beginnt.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 04.05.2012, 16:02 Uhr

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