Strenger Hausarrest

Eine neugierige Tigerkatze hat einen Unfall: Ihr Becken ist gebrochen. Dabei scheint sie die Verletzung weniger zu stören. Viel schlimmer findet die Patientin die verordnete Krankenruhe.

Die Katze kam als Notfall zu uns. Sie hatte es irgendwie noch bis zu ihrer Haustüre geschafft. Dort lag sie zitternd und miaute kläglich, als die Halter sie fanden. Im Schnee hatte sie eine seltsam gewundene Schleifspur gezogen, welche irgendwo vor dem Gartentor begann. Beim Untersuch bemerkte ich, dass die Katze nicht stehen konnte. Ansonsten sah man ihr nichts an. Es musste etwas passiert sein, aber was genau, liess sich nicht feststellen. Ihr Tigerfell war ohne Verletzungen und selbst ihre Zähne, die bei Autounfällen öfters abbrechen, waren makellos. Ich tastete vorsichtig ihren Körper ab. Alle Knochen schienen heil zu sein, nur im Bereich der Hüfte hatte sie offenbar starke Schmerzen.

Als ich sie dort berührte, miaute die Katze laut und versuchte, mich in die Hand zu beissen. Ohne weiter abzutasten, trug ich sie vorsichtig ins Röntgenzimmer. Das Röntgenbild brachte Licht ins Dunkel: Ihre Hüfte war gebrochen. Zum Glück hatte sich nichts verschoben. Sie konnte ihre Beine gut fühlen und ihre inneren Organe waren intakt. Ich atmete auf und konnte den besorgten Besitzern wenigstens mitteilen, dass ihre Katze bald wieder herumlaufen werde. «Allerdings», fügte ich streng hinzu, «muss sie erst mal längere Zeit in der Box verweilen.» Die Besitzer wussten nicht, was ich damit meinte. «Die Box» war eine grosse Gitterboxe, welche als kleines Katzenspitalzimmer diente. Mit Toilette, Bettchen und Napf ausgerüstet, hielt sie so eine freiheitsliebende Katze ruhig, bis der Beckenbruch ausgeheilt war.

Gegen die Langeweile konnten die Besitzer den Käfig in der Wohnstube aufstellen, um der Katze etwas Abwechslung zu gönnen. Die ersten Wochen war diese Tigerkatze ein guter Patient. Ausser zum Fressen und für aufs Kistchen stand sie nicht auf und lag immer ruhig in einer Ecke. Dann begann sie jedoch zu betteln. Als es ihr noch besser ging, hing sie sich mit den Vorderbeinen wie ein Sträfling am Käfig fest. Jetzt brauchten die Besitzer genügend Durchhaltevermögen, um ihre Katze ruhig zu halten.

Ein kalter Krieg brach aus. Die Tigerkatze benutzte jede nur erdenklichen Tricks, um ihre Besitzer weichzukriegen: Sie maunzte, miaute laut, sah ihre Halter mit flehentlichen Blicken an. Diese litten auch entsprechend, doch das noch starke Hinken der Katze erinnerte sie daran, dass ihr Tiger immer noch Zwangsruhe brauchte. Endlich war die Zeit gekommen. Die Türe wurde geöffnet und die Katze durfte ihr Spitalzimmer verlassen. Etwas unsicher lief sie herum, um sich genüsslich auf der Sofalehne niederzulassen und sich zu putzen. Ich hatte ihr noch einen Monat Hausarrest verordnet, bis sie wieder in die Winterlandschaft hinaus durfte. Der Besitzer meinte, sie blinzle ihn immer wieder an. «Ich glaube, sie hat etwas vor! Sucht sie weitere Tricks, um mich zu überzeugen, dass ich sie früher hinaus lassen soll?», sagte er während eines Hausbesuches.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 14:43 Uhr

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